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Konsequent gesellschaftskritisch

Zum Tode des Kritischen Psychologen Klaus Holzkamp / Von ADOLF KOSSAKOWSKI

Klaus Holzkamp, Professor für Psychologie und langjähriger Direktor des Psychologischen Instituts an der Freien Universität, ist am 1. November 1995, kurz vor der Vollendung seines 68. Lebensjahres, gestorben. Er wird seinen Studenten und Kollegen als kreativer und leidenschaftlicher Wissenschaftler sowie als herausragender Hochschullehrer in Erinnerung bleiben.

In das Buch der Psychologiegeschichte hat er sich als Begründer und unbestrittenes Haupt der Kritischen Psychologie eingetragen, einer psychologischen Schule, die in der gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Aufbruchsituation der 60er Jahre entstand und national wie international sehr rasch weite Verbreitung und Anerkennung fand. Bislang ist von ihm, seiner Lebensgefährtin Ute Osterkamp und vielen namhaften Schülern und Mitstreitern eine fast unübersehbare Zahl von grundlegenden Arbeiten zu theoretischen, methodologischen und lebenspraktischen

Problemen erschienen, die für die theoretische Entwicklung der Psychologie sowie für ihre gesellschaftspolitische Wirksamkeit von kardinaler Bedeutung sind.

Das besondere Anliegen Holzkamps besteht in der subjektwissenschaftlichen Grundlegung der Psychologie: Nach fundierter und akribischer Auseinandersetzung mit psychologischen und philosophischen. Strömungen der unterschiedlichsten „Lager“ weist er nach, daß menschliches Denken, Fühlen und Handeln nur verständlich wird, wenn es im Kontext nicht nur der allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet wird, sondern wenn jede Persönlichkeit stets in ihrer ganz individuellen gesellschaftlichen Einbindung mit den damit verbundenen jeweils konkreten individuellen Handlungsmöglichkeiten bzw Restriktionen für die Persönlichkeitsentwicklung gesehen wird.

Aus subjektwissenschaftlicher Sicht wird jede Persönlichkeit in ihrer individuellen

Subjektivität gesehen, mit individuell spezifischen psychischen Besonderheiten, entsprechenden Handlungserwartungen und Handlungsmöglichkeiten, mit der Intention, die engeren und weiteren Handlungs- öder Lebensbedingungen den subjektiven Erwartungen und Möglichkeiten gemäß zu gestalten, zu kontrollieren oder zu verändern.

Daraus werden Schlußfolgerungen für psychologische Analysemethoden gezogen, die sich sowohl auf die individuellen Besonderheiten der Persönlichkeit, die ganz konkreten sozialen Umfeldbedingungen als auch die spezifischen gesellschaftlichen Realisierungsbedingungen beziehen. So unterzieht Holzkamp zum Beispiel in seinem letzten größeren Werk „Lernen - Subjektwissenschaftliche Grundlegung“ (1993) das Lernen in der gegenwärtigen Schule einer sehr kritischen Analyse, und führt die sichtbare „Verwahrlosung schulischer Lernkultur“ auf vorherrschende, die Individualität und das Selbstgestaltungsstreben des Schülers

mißachtende und daher defensive Lernstrategien zurück.

Es ist verständlich, daß eine subjektwissenschaftliche Sichtweise der Persönlichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft sowohl die persönlichkeitsverformenden Bedingungen als auch die restriktiven Bedingungen für die Entfaltung individueller Subjektivität bis hin zu den ganz konkreten Lebensbereichen deutlich werden läßt und auf Veränderung dieser gesellschaftlichen Bedingungen drängt. Deshalb ist Kritische Psychologie nicht nur fachspezifisch theorie- und methodologiekritisch, sondern in wesentlichem Maße auch konsequent gesellschaftskritisch, was in vielen Publikationen und politischen Aktivitäten von Vertretern der Kritischen Psychologie zum Ausdruck kommt.

Nicht zuletzt deshalb verhalten sich nicht nur konservative Fachkollegen, sondern mehr noch Wissenschafts- und andere Politiker zumindest reserviert gegenüber der Kritischen Psychologie. Dies ehrt Klaus Holzkamp!

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