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Zwischen Persipan und Rechenschaftsbericht

Heute vor 35 Jahren lud die FDJ nach Schwerin zum ersten Poetenseminar

Das große Lexikon des DDR-Alltags ist beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf restlos vergriffen. Letscho? Ferienspiele? ABV? Hauptaufgabe? Da war doch mal was! - Es ist scheinbar vergangen, aber es hat sich in die Erinnerungsbahn eingebrannt. Immer, wenn sich zwei »gelernte DDR-Bürger« (welch blöder Begriff) über früher unterhalten, tauchen sie wieder auf: die Wörter des Alltags, immer noch wie selbstverständlich und wie aus der Pistole geschossen. Begriffe sind für den »Dabeigewesenen« wie ein Spiegel, schaut man hinein, dann sieht man den Alltag wieder vor sich, sollte man meinen. »Nicht jeder, der in Jesuslatschen beim Poetenseminarsaß, fand seinen Weg in den Volksbuchhandel - mancher fuhr auch mit der Taigatrommel an die Trasse, wo er mit seiner Jugendbrigadezum Aktivisten wurde - um nach Rückkehr und nach einigen Eingaben eine QP 71 mit Sprelacart-Küche zu bekommen und später Hausvertrauensmann zu werden. Lustig, lustig, diese Sicht auf die DDR. Zwischen Persipan und Rechenschaftsbericht findet der Leser dieses vergriffenen Buches dann auch das Poetenseminar der FDJ. Wenn die boomende Suchmaschine Google wirklich ein Indikator für Erinnerung ist, dann ist das Poetenseminar fast vergessen, als hätte es niemals stattgefunden - ganze zehn Einträge. Bei der Gegenprobe zu einer anderen Casting-Show (»Deutschland sucht den Superstar«) springen einen unsägliche 159000 Einträge aus dem Computer an. Es ist sowieso immer besser, die eigene Erinnerung zu bemühen. Helfen wir ihr auf die Sprünge. Die FDJ war eine der großen Kulturorganisierenden Institutionen der DDR, vielleicht sogar die größte. Dichter wie Brecht, Hermlin, Kuba dichteten in Selbst- und Verbandsauftrag. Die Weltfestspiele in Berlin, sowohl die III., als auch die X., waren auch riesige Kulturprogramme. Anfang der sechziger Jahre gab es nicht nur eine »Lyrikwelle«, wie anderswo auch, sondern auch Lyrikabende der FDJ. Aus dem Berliner Literaturwettbewerb »Wir lieben das Leben«, an dem sich hunderte Mädchen und Jungen aus der ganzen Republik beteiligten, wurde im Sommer 1970 das Poetenseminar. In den Sommerferien war das Schweriner Schloss (damals ein Lehrerbildungsinstitut und noch so schön herausgeputzt) ein feiner Ort für dieses Casting des Schreibnachwuchses der DDR. Werkstattwochen der Singebewegung gab es schon, ein Klassentreffen der DDR-»Jugendtanzmusik« in Suhl sollte bald folgen, Theatertage der Jugend wurden veranstaltet. Fenster zur Welt war seit Februar 1970 das Festival des Politischen Liedes. Das war Kultursponsoring, Ideologe hin, Ideologie her. Das war Förderung von vielen jungen Talenten. Das war aber auch die Forderung nach Engagement für die DDR. Freipräparierung von Erneuerungspotenzial für die gesamte Gesellschaft. »Lässt sich nur ein Festival so organisieren?«, so fragte polemisch der (viel zu früh gestorbene) Kulturjournalist Klaus Hilbig im »Forum«, der intelligenten Zeitschrift des Jugendverbandes. Sein Kollege Reinhard Weisbach (viel zu früh gestorben), der das Poetenseminar in seinen ersten Jahren prägte, »hasste das Weinen über Widersprüche und brachte uns bei, dass grade sie es sind, aus denen die Lösungen gewonnen werden müssen« (Bernd Rump). In Schwerin trafen sich jedes Jahr im August Schriftsteller und junge Menschen, die alles daran gesetzt hatten, über einen Schreibwettbewerb dorthin zu kommen. Einige von ihnen sind später Schriftsteller geworden, einige Journalisten. Die besondere Atmosphäre dieses Dialogs im Schweriner Schloss, später auf der Paulshöhe, hat kaum jemand, der daran teilgenommen hat, in negativer Erinnerung. »Anfang der Achtziger erlebte ich eine Lesung Stephan Hermlin beim "Zentralen Poetenseminar der FDJ" in Schwerin. Er wartete lange, bis es im Saal still geworden war, brach nach den ersten Worten ab und wartete wieder. Dann trug er aus dem von ihm herausgegebenen Lesebuch "Von Luther bis Liebknecht" vor (). Hermlin, er schien unnahbar, forderte Respekt - für die Literatur und für sich«. So erinnert sich Ingo Schulze in einem Text »Liebe zur Literatur und wachsende Sorge um das Land« von 1997. Für den Schriftsteller Erhard Scherner war Schwerin gar gleich einem »Magnetengebürge«, das den sich nähernden Schiffen die Eisennägel aus den Planken zu reißen vermochte. »Hier sind Leute, die brauchen mich und mein Wort - ich sage, was sie denken und fühlen, träumen, ich, einer von ihnen«. Aus erfolgreichen Seminarteilnehmern von Schwerin werden Seminarsekretäre. Es ist und bleibt ja ein Arbeitstreffen. Aus einigen Seminarsekretären werden Seminarleiter. Jedes Jahr publiziert der Verlag »Neues Leben« aus den besten Gedichten aus Schwerin ein »Poesiealbum«. Für viele die erste Veröffentlichung. Die wird immer wichtig bleiben. »DT 64« macht Sondersendungen, die »Junge Welt« Sonderseiten von diesem besonderen Treffen. Die Gesamtausgabe der Poetenseminarzeitung »Rote Feder« ist ein nach wie vor ungehobener Schatz der DDR-Literaturgeschichte. Die vielen hundert Schreibwütigen, die »durch« Schwerin gegangen sind, sind nicht alle Berufsschriftsteller geworden. »Der Reingewinn an Dichtern aus der Poetenbewegung entzieht sich jeder Berechnung«, so die Autorin Kathrin Schmidt. Schwerin war, mit Jo Schulz, eine »Chance für Begegnungen, Gelegenheit für Poesie, und nicht nur für sie, Gelegenheit für die Gelegenheiten, aus denen Poesie werden kann, nicht werden muss«. Die Erinnerung an diese Sommerwochen unter dem Zeichen der aufgehenden Sonne, ist mehr als eine Einordnung zwischen Persipan und Rechenschaftsbericht. Im Falschen soll es kein Richtiges geben, ist eine der Erinnerungsvorgaben. Ostdeutsche Erinnerung, so wird mitunter suggeriert, sei rückwärts gewandt. Wie zum Teufel, soll man sich denn sonst erinnern?

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