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Billigstrom für Alu-Verschwendung

Wer die Aluminium-Industrie durch günstige Stromtarife subventioniert, der subventioniert den verschwenderischen Umgang mit einem wichtigen Rohstoff

  • Marcus Meier
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Argument ist nicht nur bei Sozialdemokraten populär: Energieintensive Branchen müssen subventionierten Strom bekommen und so ihre Energiekosten auf die Gesamtheit der Stromrechnugszahler abwälzen, weil sie sonst nicht überlebensfähig wären. Als Beispiel muss zuvörderst die Aluminumindustrie herhalten. Aber übersteht das Argument den Faktencheck?
Es war im Jahr 1982, es war in einem besonders finsteren Teil Westfalens: Schüler des auch von mir besuchten Gymnasiums (es galt als das fortschrittlichere der beiden in der Stadt vorhandenen) bildeten eine AG, deren Zweck es war, Aluminium einzusammeln; zuvörderst solches von biegbaren Deckeln, wie sie Joghurtbecher, aber auch die Verpackungen der Schul-Milch und des Schul-Kakaos obenrum abschlossen.

Die AG war wohl Langfristfolge einer Warnung, die der Club Of Rome in seinem 1972 erschienenen Bestseller-Buch »Grenzen des Wachstums« ausgesprochen hatte: Wenn alles so weiter liefe wie bisher, würden viele Rohstoffe noch zur Lebenszeit der Leser knapp und teuer werden; insbesondere aber Aluminium. Zusammenbruchsszenarien prägten das Buch. Also mussten zehn Jahre später Aluminiumdeckel mit finsterer Miene eingesammelt und (so das Versprechen der Alu-AG!) der Wiederverwertung zugeführt werden.

Gewiss, auch damals gab es schon Pfandgläser für Milch, Kakao und Joghurt, die eine viel bessere Öko-Bilanz aufwiesen als der Einmal-Plastikbecher mit Aludeckel. Doch davon wussten nur wenige Westfalen. Überhaupt war das Öko-Bewustsein in der Region nicht sehr stark ausgeprägt, was auch die Alu-AG zu spüren bekam, die sich auflöste, nachdem sie wenige Wochen lang Hohn und Spott ertragen hatte.

Die Öko-Bilanz des Aluminiums: verheerend

Dabei wäre ein sorgsamer Umgang mit dem Metall durchaus angebracht. Die Herstellung von Aluminium verschlingt Unmengen an Ressourcen und Energie und hinterlässt giftigen Abfall. Für eine Tonne Aluminium werden vier Tonnen Bauxit, ein halbe Tonne Kohle und 14.000 Kilowattstunden Strom benötigt, der Stromverbrauch ist 27 mal so hoch wie bei der Herstellung von Glas.

Zu den Hinterlassenschaften der Produktion zählen anderthalb Tonnen giftigen, ätzenden und krebserregenden Rotschlammes, der idealtypischerweise auf einer Deponie entsorgt werden muss, ferner Arsen und Quecksilber, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Wohlgemerkt: Die obigen Werte beziehen sich eine Tonne Alu. In Deutschland werden aber pro Jahr allein rund 300.000 Tonnen zu Alufolie verarbeitet.

Was wird durch niedrige Strompreise subventioniert?

Niedrige Strompreise? Subventioniert wird nicht eine »volkswirtschaftliche Schlüsselbranche«, die »zur Verbesserung des Lebensstandards« beiträgt und »sich ausdrücklich zum Leitbild der Nachhaltigkeit« bekennt (Gesamtverband der Aluminiumindustrie), die aber leider das Pech hat, aus technischen Gründen keine weniger Energie verschlingenden Verfahren anwenden zu können. Nein, subventioniert wird der irrationale Umgang mit dem Rohstoff Aluminium.

Heißt: Dank Subvention billige Verpackungen aus Alu wie Tetrapacks und Dosen, statt Pfandflaschen und Pfandgläser. Alufolie statt immer wieder verwendbarer »Tupperdosen«. Solche Verwendung würde sich, glaubt man den Subventions-Befürwortern, nicht rechnen, wenn die Alu-Industrie einen Kilowattstunden-Preis bezahlen würde wie wir alle es tun gezwungen sind. Doch Alu bisher billig verfügbar, so dass kein Gedanke an Alternativen, wohl aber der Rohstoff verschwendet wird.

Kein Alu für Wegwerfprodukte!

Zwar sinkt beim Alu-Recycling der Energieverbrauch verglichen mit der Primärerzeugung (die Vorraussetzung des späteren Recyclings bleibt!) um rund 90 bis 95 Prozent. Das ist aber immer noch hoch ist, vor allem dann, wenn nur kurzzeitig benutztes Aluminium eingeschmolzen wird. Bei alldem können die langfristigen Vorteile des Alumiums, wie insbesondere seine Korrosionsbeständigkeit, nicht zur Geltung kommen. Denn so alt wird das aluminium-basierte Wegwerfprodukt nicht.

Aber würden die höheren Energiekosten sich nicht auch im Preis anderer Produkte niederschlagen, bei Fahrrädern, Außenverkleidungen und elektronischen Bauteilen beispielsweise? Gewiss. Aber bei langlebigen, hochwertigen Produkten käme es auf ein paar Euro mehr oder weniger nicht an. Und die paar Euro würden Sie locker einsparen, wenn Sie nicht mehr den billigen Strom der Alu-Industrie mit ihrer Stromrechnung mitbezahlen müssten. Allein in diesem Jahr werden die Alu-, Stahl- und Chemieindustrie um 2,5 Milliarden Euro entlastet – pro Einwohner kostet das rund 30 Euro.


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