Altersarmut ist nicht Schicksal

Neuer Sammelband stellt Lösungen für ein wachsendes Problem vor

Schon das Vorwort des gerade erschienenen Sammelbandes »Armut im Alter - Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung« macht deutlich, wo die insgesamt 29 Autorinnen und Autoren die Probleme des deutschen Rentensystems sehen und an wen sich ihre Kritik richtet: »Als die etablierten Parteien das Prinzip der Lebensstandardsicherung bei der gesetzlichen Rente aufgaben, Formen der privaten Altersvorsorge in den Mittelpunkt rückten und eine ›neue‹ Arbeitsmarktpolitik praktizierten, wurden die Weichen in Richtung vermehrter Altersarmut gestellt.« Den drei Herausgebern ist es gelungen, renommierte Sozialwissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und Vertreter von Sozialverbänden zu gewinnen, die in 20 Beiträgen eine Fülle an Fakten, Erkenntnissen und Lösungsvorschlägen zum Problem Altersarmut zusammengetragen haben.

Denn die wachsende Armut älterer Menschen ist derzeit eines der größten Probleme der Bundesrepublik. Zwar wirke der Sozialabbau in allen Altersgruppen; im Alter dürften seine Auswirkungen jedoch besonders drastisch spürbar werden, schreibt Mitherausgeber Christoph Butterwegge in seinem Beitrag zur historischen Entwicklung des Sozialstaats: »Denn von Leistungseinschnitten existenziell Betroffene sind weniger als Jüngere in der Lage, Einschränkungen ihres Lebensstandards durch Ausweitung ihrer sozialen Netzwerke zu kompensieren.«

Der erste Teil des in fünf Abschnitte gegliederten Buches gibt einen Überblick über das Problem Altersarmut in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, während der zweite auf die Rahmenbedingungen eingeht, die das Risiko für Altersarmut erhöhen: So führen Langzeiterwerbslosigkeit, Billiglöhne und die Ausweitung prekärer Beschäftigung zwangsläufig zu niedrigen Rentenansprüchen. Bei Frauen verschärfen unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Teilzeitarbeit und die gegenüber Männern oftmals niedrigere Bezahlung das Problem, wie Carolin Butterwegge und Dirk Hansen ausführen.

Auch die speziellen Probleme der ostdeutschen Rentner werden in diesem Teil des Buches behandelt, zudem belegt Antje Richter-Kornweitz die Zusammenhänge zwischen Armut und Gesundheit - und kommt zu teils erschreckenden Ergebnissen.

Dass die Regierung sozialpolitisch oft mit hanebüchenen Fakten argumentiert und Daten verdreht, ist eine Tatsache, die anzuprangern sich der Statistiker Gerd Bosbach zur Aufgabe gemacht hat. Bezogen auf die Altersarmut kommen er und der Politikwissenschaftler Jens Jürgen Korff zu dem Schluss, dass jene »keine Folge der demografischen Entwicklung, sondern einer gesellschaftlichen Umverteilung von unten nach oben« sei. Da der Wohlstand von 1991 bis 2011 real um 30,2 Prozent gewachsen sei, die deutsche Bevölkerung aber nur von 80,3 auf 81,8 Millionen, ergebe sich rechnerisch ein Plus von 27,9 Prozent für jeden. »Bei gerechter Verteilung des Kuchens müsste also keiner ärmer geworden sein, ganz im Gegenteil.« Sozialkahlschlag sei nicht zwangsläufig, so Korff und Bosbach.

Gewerkschaften, Sozialverbände und Parteien warten mit verschiedensten Vorschlägen für die Bekämpfung der Altersarmut auf. In den letzten beiden Abschnitten des Buches kommen einige davon zur Sprache: Ob gute Rente durch gute Löhne (DGB), neuer Generationenvertrag (IG Metall), solidarische Pflichtversicherung für alle Erwerbstätigen (SPD), »grüne Bürgerrente« oder »solidarische Mindestrente« (LINKE) - die Konzepte eint der Gedanke, dass Altersarmut nur mit mehr oder weniger großer Veränderung des Rentensystems überwindbar ist.

Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach, Matthias W. Birkwald (Hg.): Armut im Alter, Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2012, 19,90 Euro.

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