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Mechanismen des Schuldigwerdens

Schüler aus Sachsen-Anhalt und Armenien erforschten Biografien von KZ-Häftlingen

  • Uwe Kraus
  • Lesedauer: 5 Min.
Schüler aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt und aus Aschtarak in Armenien beteiligten sich gemeinsam an einem europaweiten Friedensprogramm. Sie erforschten das Schicksal von Armeniern, die während des 2. Weltkrieges im KZ Langenstein-Zwieberge am nördlichen Harzrand inhaftiert waren. Dafür werden die Schüler am 17. Januar in Berlin ausgezeichnet.

Wo war wohl die Freude größer - in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) oder im Tausende Kilometer entfernten armenischen Aschtarak? Die Projektergebnisse des Jahrgangs 2011/2012 des Förderprogramms »Europeans for peace« liegen vor und die Preisträger stehen fest. Dazu gehören 15- bis 17-jährige Gymnasiasten des Halberstädter Martineums und Altersgefährten von ihrer Partnerschule Nr. 5 in Aschtarak. Sie erforschten gemeinsam das Schicksal von Armeniern, die während des 2. Weltkrieges im KZ Langenstein-Zwieberge am nördlichen Harzrand inhaftiert waren. Gedenkstättenpädagogin Hanka Rosenkranz und Gedenkstättenmitarbeiterin Gesine Daifi begleiteten die Jugendlichen nach Armenien und auf den Recherchen in Deutschland.

Baracken und Stollen

Anna Papyan, Heghine Davtyan, Haratjun Voskanyan und Lilja Bryan konnten zunächst gar nicht glauben, dass dort, wo heute bei Langenstein die Natur sich ihren Platz zurückerkämpft hat, einst in Baracken und im Malachit-Stollen 7000 Häftlinge aus 23 Ländern lebten und arbeiteten, die durch Arbeit vernichtet werden sollten.

Die armenischen und die Halberstädter Schüler wurden nun zur Preisträgerveranstaltung am 17. Januar nach Berlin eingeladen, um die Ergebnisse der internationalen Projektarbeit vorzustellen. Die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« ehrt insgesamt vier beispielhafte Projekte zum Ausschreibungsthema »Menschenrechte in Vergangenheit und Gegenwart«. Eines davon hat den Titel »Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung - Was geht mich das heute an?«, sein Träger ist der Förderverein der Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge.

»Die jungen Leute untersuchten Ausgrenzungs- und Vernichtungsmechanismen während der NS-Zeit und setzten diese in Bezug zu den Ereignissen des Völkermordes an den Armeniern 1915/1916. Dabei analysierten sie heutige Erscheinungsformen von Menschenrechtsverletzungen«, erläutert Hanka Rosenkranz, die auch Vorsitzende des Fördervereins der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge ist. Sie arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin an einer Harzer Sekundarschule seit dem Schuljahr 2009/2010 als Gedenkstättenpädagogin.

Nach ihren Worten ging es bei dem Projekt auch um die Auseinandersetzung mit Stigmatisierungen, Vorurteilen und Ausgrenzungsmechanismen in der Schulklasse, in der Familie, im sozialen Umfeld, gegenüber Vertretern anderer Kulturen und Religionen. Und es ging darum, wer entscheidet, was »gut« und »böse« ist. Recherchen hatten ergeben, dass mindestens fünf Armenier unter den Häftlingen von Langenstein-Zwieberge waren. Die Halberstädter erlebten, wie intensiv ihre armenischen Projektpartner um die pädagogische Betreuerin Gohar Maghakyan gesucht haben. »Es gestaltete sich zu einer ziemlichen Herausforderung, die Angehörigen und deren Wohnsitz nach so langer Zeit zu finden«, berichtet Gesine Daifi. Die Schüler spürten Angehörige auf und sprachen mit ihnen über das Schicksal der Häftlinge, aber auch über deren Umgang mit den KZ-Jahren in der sowjetischen Gesellschaft«, wie Gedenkstättenpädagogin Rosenkranz anmerkt.

In Langenstein-Zwieberge stießen die Jugendlichen auf die Häftlings-Personal-Karte des Landwirtes Ajkaz Geworkjan, Jahrgang 1918. Im kleinen Dorf Kuchak trafen sich die 13 Deutschen im Oktober 2011 mit dessen beiden Söhnen in deren Elternhaus. Ihr Vater kam als sowjetischer Kriegsgefangener erst nach Buchwald und am 20. Juni 1944 ins KZ Außenlager Langenstein-Zwieberge. Überrascht hat die Schüler, dass der spätere Lehrer bis kurz vor seinem Tod am 4. Juni 1988 über diese Zeit nicht gesprochen habe. »Zum Schutz der Familie«, sagten die Söhne Gnel und Samvel. »Sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland galten als Verräter und wurden als Kollaborateure bestraft, ihre Familien terrorisiert.«

Den bedrückenden Bezug zur Gegenwart finden die Schüler immer wieder. So im Gespräch mit vier Frauen, die heute in und um Aschtarak wohnen. Einst lebten sie in Baku, Kirowabad und Sumgait. Doch 1988, im Zuge des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts um Nagorny Karabach, wurden armenische Menschen in Aserbaidschan verfolgt und vertrieben. Aber es waren auch aserbaidschanische Freunde, Nachbarn und Kollegen, mit denen sie Jahrzehnte friedlich zusammengelebt hatten, die ihnen bei der Flucht halfen. Der Karabach-Konflikt ist nicht gelöst, und auch heute sterben deshalb immer wieder junge Menschen. Eine Frau berichtete stark bewegt, dass einer ihrer Enkel unter den Opfern sei. »Die anonymen Fakten und Zahlen der Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung bekamen für uns nun ein konkretes Gesicht«, erzählen Gesine Daifi und Hanka Rosenkranz. Die Projektteilnehmer wie Kristina Schulz, Felix Janz oder Pauline Lüttge erfuhren während ihrer Reise jedoch auch viel über das Land Armenien, dessen Sehenswürdigkeiten und die Menschen. Wer weiß schon, dass die Armenier als erstes Volk der Geschichte das Christentum zur Staatsreligion machten?

Aus zweiter Hand

Für Hanka Rosenkranz ist die Projektarbeit in Förderverein und Gedenkstätte auch ein Hinterfragen eigener Lebensstationen. »Erfahrungen in der DDR sensibilisieren natürlich für Heutiges.« Sie hat viel gelesen, sich mit ihrem Leben auseinandergesetzt, um zu ihrem Lehrersein nach der Wende zu finden. Sie sagt, Demokratie sei menschengemacht und nur so gut, wie die Menschen sie auch leben. Und sie fragt, ob das alles auch heute wieder passieren könnte.

Geschichtsvermittlung erfolgt zunehmend aus zweiter Hand, weiß Rosenkranz aus eigenem Erleben. Oft finden Kinder, Enkel, Nichten und Neffen in Nachlässen Verstorbener Hinweise auf deren Zeit im KZ Langenstein-Zwieberge, wenden sich an die Gedenkstätte oder kommen dorthin, um den Leidensort kennen zu lernen. Damit schließe sich auch wieder der Kreis zum Schülerprojekt. »Wir tragen nicht mehr die Schuld. Aber diese Auseinandersetzung soll nach Mechanismen des Schuldigwerdens suchen.«

Nach Auffassung der engagierten Pädagogin beginnt Schuldigwerden heute durchaus bei Ausgrenzung von Mitschülern und Mobbing auf dem Schulhof. Es gelte, den Jugendlichen bewusst werden zu lassen, dass das Leben in demokratischen Strukturen keine Selbstverständlichkeit ist. Auch aus der Erfahrung des Lebens in der DDR sei ein offener streitbarer Umgang miteinander so wichtig.

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