Hartz-Kritikerin im Jobcenter unerwünscht

Unterstützer starten Petition für Arbeitsvermittlerin

Berlin (nd-Gernhardt). In den vergangenen Wochen sorgte Inge Hannemann, Arbeitsvermittlerin beim Jobcenter Hamburg-Altona, mit deutlichen Worten gegen das System Hartz IV für mediale Aufmerksamkeit. Der Einsatz für die Erwerbslosen bescherte ihr nun arbeitsrechtliche Konsequenzen: Hannemann wurde am Montag von der Zentrale der Hamburger Jobcenter bis auf Widerruf von ihrem Arbeitsplatz freigestellt. Ihren Schlüssel musste sie nach eigenen Angaben abgeben, ein Jobcenter darf sie nicht mehr betreten. Als Begründung wurden ihr Eintreten für die Rechte Erwerbsloser und ihre öffentliche Kritik am Sanktionssystem angegeben. Zudem wolle man ihre eigene Sicherheit garantieren. Dem »nd« sagte Hannemann, das seien keine arbeitsrechtlichen Gründe, wie auch ein ver.di-Vertreter bestätigt habe.

Ihre Anwälte entschieden derzeit, ob gegen die Freistellung vorgegangen werden könne, so die Arbeitsvermittlerin. Für Hannemann steht fest: »Sie wollen mich nicht mehr.« Ihr Computerzugang zum Jobcenter-System sei bereits am Montagmorgen gesperrt gewesen, als sie aus dem Urlaub zurückkam. Sie erwartet, dass eine Kündigung folgen wird, gegen die sie in jedem Fall Rechtsmittel einlegen werde, denn sie habe sich arbeitsrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Freistellung initiierten Unterstützer eine Online-Petition, die am späten Nachmittag bereits über 1500 Menschen unterschrieben hatten. Die Unterzeichner fordern die »sofortige Rücknahme aller Sanktionen« gegen Hannemann. Sie seien ein »Akt von Behördenwillkür«, der dazu diene, das »Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu beschneiden«.

Zuletzt hatte Hannemann einen offenen Brief an ihre Kollegen geschrieben. Darin fordert sie diese auf, sich in die Lage Erwerbsloser einzufühlen und keine »Differenzierung zwischen den Schreibtischseiten« zuzulassen.

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