Hameln trauert um Landrat

16-köpfige Mordkommission sucht weiter nach genauem Motiv

  • Von Martina Steffen, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Verbrechen schockiert eine ganze Stadt: Ein 74-Jähriger erschießt im niedersächsischen Hameln den Landrat und ehemaligen Chef des Landeskriminalamts Rüdiger Butte. Die Menschen legen Blumen am Tatort nieder und stellen sich immer wieder eine Frage: Warum?

Trauer und Entsetzen in Hameln: Nach den tödlichen Schüssen auf Landrat Rüdiger Butte (SPD) steht die Stadt im Weserbergland weiter unter Schock. »Warum? Zurück bleiben Trauer, Verzweiflung, Tränen und die Frage nach dem Warum«, steht auf einem Zettel, der zwischen Blumen und Kerzen vor dem Kreishaus liegt. Dort geschah das Verbrechen, im Amtszimmer des 63-Jährigen. Der Täter, ein 74 Jahre alter Waffennarr, hatte Butte mit einem Revolver erschossen und sich nach der Bluttat selbst getötet.

»Er hat sich für jeden eingesetzt und stark gemacht, vor allem für die kleinen Leute«, sagt Hannelore Pöhler, die Butte persönlich kannte. Sie habe die ganze Nacht nicht schlafen können, berichtet die Frau, der die Tränen über das Gesicht laufen. Vor Jahren habe sie sich mit einem Problem an den Landrat gewandt, und er habe ihr geholfen. Er habe sich sogar bedankt, dass es Bürger wie sie gebe, die sich engagierten, sagt Pöhler am Samstag. Sie wünscht sich, dass die Süntelstraße, in der das Kreishaus steht, in Rüdiger-Butte-Straße umbenannt wird.

Am Freitagabend hatten mehr als 500 Menschen an einer Gedenkfeier für Butte in Hameln teilgenommen. Trauer und Entsetzen waren auch am Samstag in der Stadt im Weserbergland zu spüren. Einwohner hatten Blumen und Kerzen vor dem Kreishaus aufgestellt.

Immer wieder kommen Menschen vorbei und halten inne. Auf einer Fensterscheibe des Kreishauses kleben Fotos des Opfers. »Mich erschüttert das sehr, der Landrat war mir sehr sympathisch«, sagt eine Frau, die Blumen vor das Gebäude gelegt hat. Persönlich gekannt habe sie ihn zwar nicht, aber sie habe viel über ihn und seine Arbeit gelesen. »Dass so etwas in Hameln passiert, ist unvorstellbar. Das ist auch für die Mitarbeiter furchtbar«, sagt sie.

Die Polizei ermittelt weiter. Fest steht, dass dem Verbrechen jahrelange Querelen des Täters mit der Justiz und der Verwaltung vorausgegangen waren. Über das genaue Motiv des Schützen wissen die Fahnder auch am Wochenende nichts. Die Ermittler hätten im Haus des Täters Material gesichtet und diversen Schriftverkehr sichergestellt, sagte eine Polizeisprecherin in Göttingen. Darin gehe es um verwaltungsrechtliche Streitigkeiten. Zudem wurden Daten aus einem Computer und einem Handy ausgewertet. Die kriminaltechnische Untersuchung der Waffe dauerte am Wochenende an. Die Ermittler wollten zudem noch Zeugen anhören. Mit weiteren Ergebnissen sei frühestens am Montag zu rechnen.

Eine 16-köpfige Mordkommission arbeitet an dem Fall. »Da der Täter tot ist, müssen wir viele Fragen wie bei einem Puzzle lösen«, sagte die Polizeisprecherin. Der 74-jährige Waffennarr lag jedoch seit Jahren mit der Justiz im Streit. Ihm war der Waffenschein entzogen worden, 2009 war er wegen Waffenbesitzes verurteilt worden.

Auch die Behördenmitarbeiter sind schockiert. »Die Angehörigen des Landeskriminalamtes Niedersachsen sind fassungslos, erschüttert und traurig«, beschreibt Uwe Kolmey, Präsident des LKA und seit 2005 Nachfolger von Rüdiger Butte, die Situation. Es sind auch seine eigenen Empfindungen für den ermordeten Kollegen und Freund. Butte sei ein stets freundlicher und positiver Mensch gewesen. Er war seit 2005 Landrat von Hameln-Pyrmont und zuvor vier Jahre Direktor des Landeskriminalamtes in Niedersachsen.

Das Verbrechen ist das beherrschende Thema in der Stadt - in den Geschäften, beim Bäcker, an der Tankstelle und auf den Titelseiten der Tageszeitungen. In einem Supermarkt gegenüber dem Kreishaus kaufen etliche Menschen Blumen zum Gedenken an das Opfer. »Es berührt einen sehr«, sagt ein Mann, »es ist hier bei uns um die Ecke«. Für Hameln sei das kein guter Tag gewesen. »Es ist einfach schrecklich, dass Menschen, die so etwas tun, unter uns sind.«

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