Der Attentäter blieb unerwünscht

Das Attentat von Davos und die Schweizer Schwierigkeiten mit brauner Vergangenheit

Aktionen individuellen Terrors, die politische Zwecke verfolgen, finden ihre Publizisten. Das gilt auch für die Anschläge, die zur Geschichte des deutschen Faschismus gehören und von denen die von Davos 1936, Paris 1938 und München 1939 am bekanntesten sind. In der bayerischen Metropole war Hitler das Ziel des Attentatsversuchs von Georg Elser, eines Arbeiters. In Frankreichs Hauptstadt trafen einen Diplomates des Nazireiches die tödlichen Revolverschüsse eines 17-jährigen jüdischen Emigrant aus Deutschland, der polnischer Staatsbürger war. Und im berühmten Schweizer Kurort der Landesleiter der NSDAP in der Schweiz, den ein ebenfalls jüdischer Emigrant, aus Jugoslawien stammend, niederschoss.

Richtet sich der Angriff auf einen Mann von politischem Einfluss wie im Fall des buchstäblich davon gekommenen »Führers und Reichskanzler« wird spekuliert, ob und wie sein Tod auf den weiteren Gang der Geschichte gewirkt haben würde. Handelt es sich um eine Person von minderer politischer Bedeutung, rücken die Motive des Täters und die unmittelbaren politischen Folgen seiner Tat in den Blickpunkt. Letzteres gilt für jenen Anschlag des David Frankfurter (1909-1982) am 4. Februar 1936 in Davos, dem nun Armin Fuhrer, der sich durch informative und lebendig erzählte Geschichtsbücher einen Namen gemacht hat, eine weitere Darstellung widmete. Zu den Vorzügen dieses Buches gehört, dass die Tat materialreich in die Zeit gestellt ist und namentlich die innenpolitische Situation im Alpenstaat eine treffende Kennzeichnung erfährt.

Die früheste Darstellung des Geschehens gab schon der im Schweizer Exil lebende deutsche Schriftsteller Emil Ludwig (1881-1948), dessen Bücher die Faschisten am 10. Mai 1933 verbrannt hatten. Sein Buch »Mord in Davos« erschien noch im Jahr der Tat. Jedoch nicht in der Schweiz, welche die Verbreitung des Buches untersagte, sondern im antifaschistischen Querido-Verlag in Amsterdam. Alsbald wurde es in viele Sprachen übersetzt. Da hatte der Prozess gegen den Täter noch nicht stattgefunden. 1937 publizierte der französische Sozialist Pierre Bloch (1905-1999) in Paris seine »L’affaire Frankfurter«. Das publizistische Interesse an dem Ereignis erloschen nie. In der Bundesrepublik wurde mit Ergänzungen von Peter Chotjewitz Ludwigs 1939 neu erschienenes Buch wieder herausgegeben. In der DDR befasste sich der Jurist Friedrich Karl Kaul mit diesem Fall und anderen Anschlägen.

Den Hauptteil seines Bandes, etwa 100 Seiten, widmet Fuhrer der Vorbereitung und dem Verlauf des Prozesses, der noch 1936 in Chur im Kanton Graubünden stattfand und in dem Frankfurter zu 18 Jahren Haft mit anschließendem Verweis aus dem Lande verurteilt wurde. Mehr als acht Jahre hat er im Gefängnis verbüßt. Erst 1945 wurde seinem Gnadengesuch stattgegeben, der Verweis außer Landes aber nicht aufgehoben. Frankfurter lebte und arbeitete bis zu seinem Tode in Palästina bzw. Israel und hat sich schriftlich und in Interviews aus dem Abstand von Jahrzehnten auch selbst zu seiner Tat geäußert - enttäuscht darüber, dass er eine Mobilisierung gegen die Judenverfolgung im Reich nicht zu bewirken vermochte. In Nazideutschland hatte sie - anders als die Tat des Herschel Grynszpan 1938 in Paris - zwar eine augenblickliche Radikalisierung der antijüdischen Schikanen und Nachstellungen nicht ausgelöst. Dies unterblieb nicht nur wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele, sondern ebenso aus Rücksicht auf wirtschaftspolitische Interessen, die sich wiederum mit dem Rüstungsprogramm verbanden. Doch war im Reich für die Steigerung der antijüdischen Hetze gesorgt und für die Anreicherung der Legende von den Opfern und Märtyrern der »Bewegung«. Auch von den Rolle des Goebbels-Beauftragten Wolfgang Diewerge und des Nebenklägers der Witwe, des Nazijuristen Friedrich Grimm, handelt der lesenswerte Band, der mit beider Biographien unausweichlich zu dem Thema führt, wie es Naziaktivisten in der westdeutschen Republik erging.

Armin Fuhrer: Tod in Davos. David Frankfurter und das Attentat auf Wilhelm Gustlof., Metropol Verlag, Berlin. 189 S., br., 19 €.

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