Der Bremer Sockel wackelt

Nach 14 Jahren als Trainer bei Werder steckt Thomas Schaaf wieder im Abstiegskampf

  • Frank Hellmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Werder Bremen will gegen Frankfurt endlich das Abstiegsgespenst verjagen - mit Trainer Thomas Schaaf auf der Bank. Doch wie lange noch?

Speziell auf der Südtribüne des Weserstadions, direkt hinter den Trainerbänken, sitzt ein Publikum, das fast alles und fast jeden gesehen hat, der hier prägende Eindrücke hinterließ. Diese teuren Plätze gibt der gemeine Stammkunde nicht auf, und so wissen auch die meisten von ihnen etwas mit dem Datum 11. Mai anzufangen. Rettung gegen Schalke, erstes Spiel von Thomas Schaaf, lautet die spontane Antwort. So etwas vergisst der Werder-Fan nicht. Auch wenn es auf den Tag genau 14 Jahre her ist. Ironie der Geschichte, dass sie sich wiederholt. Wieder ist es heute ein 11. Mai, an dem gegen Eintracht Frankfurt ein Abstiegsendspiel ansteht. Und wieder wird viel über den Trainer geredet, der noch immer Thomas Schaaf heißt und noch immer einen Schnauzbart trägt.

Ob sich der 52-Jährige, der hier so viele magische Momente erlebte, sich vorgestellt hat, dass er noch einmal so in die Bredouille kommen würde? Am 11. Mai 1999 hatte Schaaf nichts zu verlieren, denn er war erst einen Tag zuvor vom Amateur- zum Chefcoach befördert worden, und dann glückte dem jungen Christoph Dabrowski das erlösende 1:0. Wer aber spielt am 11. Mai 2013 den Retter in einer wankelmütigen Bremer Elf, die im Hinterkopf hat, dass sie ganz viel verlieren kann, wie Kapitän Clemens Fritz gesteht?

Läuft es ganz dumm, müssen die Bremer bis zum letzten Spieltag in Nürnberg zittern. Schaaf weiß, dass er daran nicht unschuldig ist: »Was wir angepackt haben, haben wir nicht zu Ende gebracht.« Diese selbstkritische Erklärung gab er bei der Fortbildungsveranstaltung des Bundes Deutscher Fußballlehrer ab. Er sprach über vergebene Chancen vorn und zu viele Fehler hinten, »wir haben uns zu oft die Beine selber weggehauen.« Und das rüttelt auch an seinem Sockel.

Die grün-weiße Gemengelage ist vertrackt. Die dreiköpfige Geschäftsführung um den neuen Sportchef Thomas Eichin, den Vorsitzenden Klaus Filbry und Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer hat sich entschieden, bis zum Saisonende mit Schaaf weiterzumachen. Aber was wird dann? Diese Diskussion ist Eichin in der aktuellen Lage leid. »Es steht in keiner Geschäftsordnung geschrieben, dass Thomas Schaaf zum Inventar beim SV Werder gehört«, antwortete er kürzlich gereizt auf die T-Frage. »Wenn ich das Gefühl hätte, dass Thomas Schaaf in der momentanen Situation nicht der Richtige wäre, würde ich das sagen.« Nach der Saison könne man über das Thema reden, »jetzt ist der falsche Zeitpunkt«, fügt Eichin jedoch an. Und sogar Aufsichtsrat Willi Lemke rätselte zuletzt, »wie es passieren konnte, dass wir sehr gute Spieler eingekauft haben, aber die dann als Mannschaft die Leistung nicht zurückgeben konnten.«

Trotz Vertrags bis 2014 wird also demnächst auch über den Trainer diskutiert. Über die Spieler ohnehin. Eichin will Talente wie Felix Kroos oder Özkan Yildirim unbedingt halten, dazu aber auch erfahrene Spieler locken, die möglichst wenig kosten. Entgegen Eichins Beteuerungen, dass er nicht daran denke, Abwehrchef Sokratis abzugeben, soll sich der Grieche mit Bayer Leverkusen bereits einig sein. Werder dürfte im Fall eines Wechsels eine fast zweistellige Ablöse kassieren. Weit weniger gibt es für die suspendierten Marko Arnautovic und Eljero Elia, die als Sinnbilder der verfehlten Personalpolitik stehen.

Ein paar Extramillionen kämen in der Not - es droht ein weiteres Minus von acht Millionen Euro im laufenden Jahr - ganz gelegen. Es wird sogar spekuliert, die Namensrechte am Weserstadion zu verkaufen. Das hätte sich auf der Südtribüne wohl auch niemand träumen lassen.

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