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Schwarzes Meer und schwarzes Geld

Bulgarien: Nirgends in Europa ist Seeurlaub so preiswert und liebevoll handgemacht, wie zwischen Warna und Burgas

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 5 Min.
Oma Radka im Kreis ihrer Mitstreiter im Dorf Solnitza
Oma Radka im Kreis ihrer Mitstreiter im Dorf Solnitza

Die lange Dünung vor der Insel Nessebar - Burgas, die größte bulgarische Hafenstadt, ist nicht weit von hier - liegt hinter uns. Das Schwarze Meer vor uns ist azurblau und nahezu glatt. Ein paar Möwen folgen dem Katamaran nach einer Segelstunde nur noch routiniert-verspielt. Doch nun macht Skipper Stephen Clark seine »Haiti« klar zur, wie er sie nennt, Delfinwende. »Fock back« bestätigt der Vorschoter, und der neue Kurs liegt an. Nach wenigen Minuten sind sie dann da, die Delfine und beginnen ihr elegantes Wettrennen mit dem Schiff. »Das sieht für uns Menschen zwar sportlich aus«, meint Stephen, »doch für die Delfine ist es wohl nur neugieriger Spaß, denn letztendlich gewinnen ja immer sie.« Den rund 40 Tagespassagieren an Bord ist das egal. Sie fotografieren, was ihre Optoelektronik so hergibt. Ganz dem Reiz lässiger Freiheit erlegen, den diese Tiere außerhalb der ja eher zirkusähnlichen Delfinarien (die es an der bulgarischen Schwarzmeerküste auch gibt) ausstrahlen.

Viele Wege führen zum Schwarzen Meer - auch der auf dem Flüsschen Kamtschia zwischen Gold- und Sonnenstrand
Viele Wege führen zum Schwarzen Meer - auch der auf dem Flüsschen Kamtschia zwischen Gold- und Sonnenstrand

Skipper Stephen lächelt zufrieden. Delfine sind seine besten PR-Mitarbeiter, bekennt der aus dem englischen Manchester stammende 45-Jährige, der verblüffenderweise auch Bulgarisch spricht. »Rasbira se« (versteht sich) sagt er, denn er lebt, längst mit einer Bulgarin verheiratet und inzwischen zweifacher Familienvater, schon 23 Jahre auf der Insel Nessebar. »Das war damals nach dem Zusammenbruch des Ostens in Europa eine Glücksritterzeit«, erinnert er sich. »Mir ging es als Jugendlicher in England nicht besonders gut, und so versuchte ich es hier«. Ganze 84 Lewa (42 Euro) pro Person kostet der vierstündige Segelspaß bei ihm. Vor Teneriffa oder Mallorca zahlt man vergleichsweise das Dreifache.

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Stephen musste und muss dafür hart arbeiten. Anderen Glücksrittern fiel es an der bulgarischen Schwarzmeerküste leichter. Vor allem denen, die hier seit 1990 Hotel an Hotel hingeklotzt und Nachtbars neben Spielcasinos eröffnet haben. Oft nur im Zehn-Meter-Abstand neben- und in Fünfer- bis Sechserreihen hintereinander. Die allermeisten dieser Investoren sind übrigens Bulgaren. Woher die damals nach der »Wende« plötzlich das ganze große Geld hatten, bleibt bis heute weitgehend im Offshorbusiness- und Darkcoast-Nebel verborgen. Trotz oftmaliger Skandalisierung durch Justiz und Medien, trotz vieler Steueraffären und manch toter Paten oder Zeugen. Aber mutmaßlich waren diese Leute zum Ende der sozialistischen Volksrepublik Bulgarien ganz einfach in der richtigen Partei- oder Staatsstelle, die danach unversehens ganz individuell zu kapitalisieren gewesen ist.

»Slyntschew Brjag«, dem internationalen Vermarktungsgebrauch gemäß schon seit Ende der 50er Jahre »Sonnenstrand« beziehungsweise »Sonny Beach« genannt, hat heute jedenfalls statt der geplanten 28 000 Betten zwischen 150- und 200 000. Warum Schwarzmeerurlaub in Bulgarien so ein »günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis« bietet, wie die gängige Reklame zu Recht versichert, erklärt sich also nicht nur durch die zu Deutschland vergleichsweise gezahlten Hungerlöhne der Beschäftigten. Sondern weitgehend auch durch viel Schwarzgeld und ebenso viele Schwarzbauten.

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Ganz anders bei Baba (Oma) Radka im Dörfchen Solnik, etwa 30 Kilometer landeinwärts. Man kommt dort von Warna aus direkt per Bus oder per Bootsfahrt auf dem Flüsschen Kamtschija hin. Wenn in der bulgarischen Gesellschaftsgeschichte immer wieder von starken Frauen die Rede ist - in der 76-Jährigen sind sie personifiziert. Ihr 200-Seelen-Dorf war Anfang der 90er Jahre nach dem Zerfall der Agrargenossenschaft am Verhungern, erzählt sie, als eines Tages ein Kleinbus mit neun Touristen »so zum Gucken« vor ihrem Haus hielt. Baba Radka begrüßte die Leute mit Brot und Salz, Paprika und Selbstgebranntem, bewirtete sie, »weil sie nicht gehen wollten«, mit Gegrilltem und Wein. Daraus wurde das praktizierte Geschäftsmodell »Land und Leute«.

Baba Radka ist inzwischen Witwe, ihr ältester Sohn Nedko hat die Geschäfte in die Hand genommen. Aber irgendwie ist alles glücklicherweise nicht nur wie vor 20, sondern - der Chronist kann es bezeugen - wie im Bulgarien vor 40, vielleicht ja sogar wie vor 100 Jahren geblieben: Gastfreundschaft pur, schlichte, funktionale Räumlichkeiten, viel Folklore bei Gesang und Tanz, fast naive Herzlichkeit, der auch nicht Abbruch tut, wenn hier und da ein wenig Schlitzohrigkeit durchblitzt. »Euch und allen Menschen der Welt Gesundheit, Frieden und Glück«, wünscht die agile Alte zum Abschied, »dass sich Euer Lächeln nach Eurem Besuch bei uns verdoppeln möge«. Was kann ein Halbtagesausflug für 74 Lewa, also 37 Euro, mehr bieten?

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Toma Tomow fährt uns mit dem Jeep durchs mittelgebirgige Hinterland von Albena, einer der klassischen nördlichen bulgarischen Kurorte am Schwarzen Meer. Kilometerweit buschige Eichen sowie kleinteilige Tomaten- und Paprikalandwirtschaft, quirlige Bächlein mit frischen Auen, überall ruhige Plätzchen für eine potschiwka, wie das Päuschen auf Bulgarisch heißt. Doch der 21-Jährige chauffiert nicht nur. Beim Abschlusstreffen aller Touristen-Jeeps (der russischen Marke UAS aus Uljanowsk) spielt er auch noch den Gaida-Dudelsack. Der fünfstündige Outdoorspaß dürfte für 69 Lewa (35 Euro) in Europa so ziemlich konkurrenzlos sein.

In gewisser Weise konkurrenzlos ist übrigens auch der Ferienkomplex Albena, der früher Kurort hieß. Hier hat sich nämlich anders als im nahe gelegenen Slatni Pjasytzi (Goldstrand) seit 1990 architektonisch und räumlich kaum etwas geändert. Außer der Farbe und den Namen der Hotels. Nur das »Dobrudscha«, 1981 eröffnet, heißt noch wie einst. Als wir ins Dachrestaurant zum Abendessen hochfahren, will oben eine Lifttür nicht aufgehen. Ratlosigkeit außen wie innen. Kommt unversehens die charmante, zierliche Restaurantchefin zur Hilfe. Und zwar höchst couragiert mit einem knackigen Handkantenschlag auf das äußere obere Teil der Tür. Der Fahrstuhl öffnet sich sofort, und eine junge Dame verlässt den Fahrstuhl entspannt lächelnd. Urlaub in Bulgarien bleibt also trotz aller Neuerungen auch noch handgemacht.

  • Infos: Bulgarisches Fremdenverkehrsamt, Eckenheimer Landstraße 101, 60318 Frankfurt am Main, Tel.: (069) 29 52 84, www.bulgariatravel.org/de/
  • alltours flugreisen, Am Innenhafen 8-10, 47059 Duisburg, Tel.: (0203) 36 36 360, www. alltours.de
  • Literaur: Jordan Jowkow, »Albena - Ausgewählte Erzählungen«, Verlag Sachari Stojanow, Sofia, 2012,Bulgarien, Borina-Verlag, Bulgarien, 2007: »Zwischen Sofia und dem Schwarzen Meer«, F.A.Brockhaus, Leipzig, 1961.

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