Wie Maxe Baumann

Schäfer wäre 90

Die DDR hatte keinen Baumarkt, aber sie hatte Baumann. Maxe Baumann. Gerd E. Schäfer, schnarrend und schabernackend und hornbrillig, war der Star des ostdeutschen TV-Boulevards. Der Rentner, der niemals Zeit hatte, aber alle Leerlaufzeit füllte, wenn man auf Weihnachten oder Silvester oder einfach nur aufs Wochenende hinsinnierte. Und irgendwie offen war fürs lustige Grobe. Blöd durfte es werden, aber davon das Beste musste es sein. Gerd E. Schäfer also!

Er besaß die tänzelnde Virtuosentapsigkeit eines sehr sensiblen Komiker-Pferdes, das am liebsten weidete, wo es en gros durchgehen konnte. Aber doch immer so, dass ein Mitleidensgefühl, eine Grundsympathie nie angetastet wurde. Weswegen er (mit Uta Schorn) lange und erfolgreich den »Wunschbriefkasten« des DDR-Fernsehens öffnete: kauzig, krähend, krampflos. Dienstleistung mit Freuden. Ein Liebling des Publikums.

Schäfer, 1923 geboren, ein Schulfreund von Günter Pfitzmann, war in vielen DEFA-Filmen ein kleiner Nebenrollenfürst (»Auf der Sonnenseite«, »Das verhexte Fischerdorf«, »Wie heiratet man einen König?«, »Eure Hoheit - Genosse Prinz!«). Er war der Nervöse mit dem Begütigungssyndrom - was bekanntlich am schnellsten in die nächste Katastrophe führt. Er bekannte sich hoch könnerisch zum Auftrag des Schwanks, die Verhältnisse nur deshalb durcheinanderzuwirbeln, damit sie wieder in schönste Ordnung kommen.

Der Schwank ist eine Beruhigungsarznei mit Zwerchfell-Indikation, und Schäfer war ein Maître, der alles im nasal hochdrehenden Singsang in eine nicht mehr zu überbietende Verdutztheit trieb. Waren andere nur geschickt, so war er mehr: missgeschickt. Aber wenn man genau hinsah: Seinem Maxe Baumann, zum Beispiel, gewährte er noch im Überdrehungsmoment die Ahnung von Rissen, die sogar in Schwankfassaden lauern können. Wenn sie denn einer sieht - und spielt.

Und bei den legendären »Lyrik, Jazz, Prosa«-Programmen war er unvergesslich Tucholskys älterer, leicht besoffener Herr, der den Wahlkampf der Parteien besucht: Es gab Brot und Freiheit. »Die Freiheit konnte man gleich mitnehmen«, mit dem Brot würde es noch etwas dauern. Tucholskys Text für alle Zeiten. Schäfer auf der LP gemeinsam mit Eberhard Esche, dessen »Hase im Rausch« den Löwen besiegt, und Manfred Krug, der das Flugwesen unsanft in Bauerngemütern abstürzen lässt.

Am Sonntag wäre Gerd E. Schäfer, der 2001 starb, neunzig geworden. hds

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