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  • Politik
  • Die Stille nach dem Schuß von Volker Schlöndorff

Die verlorene Ehre der Rita V.

Es ist ein Stück Geschichte der anderen Seite, aber es ist auch unsere Geschichte - und darum ist es gut, dass ein ostdeutscher Autor und ein westdeutscher Regisseur gemeinsam diesen Film wagten. »Die Stille nach dem Schuß« erzählt von einer jungen Frau, die aus Gerechtigkeitssinn und aus Liebe Terroristin wurde, in der Bundesrepublik Banken überfiel, in Paris einen Polizisten tötete, in der DDR Unterschlupf fand. Ein Thema, das die Geheimdienste beider deutscher Staaten vor dem Fall der Mauer unter dem Deckel hielten: Man wusste, man ahnte zumindest, und man schwieg.

Danach, in der Sensationshysterie der frühen neunziger Jahre, wurde diese spezielle Art »brüderlicher Hilfe« schnell in die Schlagzeilen gespült. Die RAF-Aktivisten wurden »entlarvt«, verhaftet, ver urteilt. Ihre DDR-Familien erfuhren zum ersten Mal von ihrer Vergangenheit. Ulrich Plenzdorf und Heiner Carow nutzten die außerordentliche Begebenheit 1992 für ihr TV-Spiel »Vater, Mutter, Mörder kind«, ein leises, aus der Sicht eines Kindes erzähltes Melodram. Danach hielten sich Film, Fernsehen, Literatur zurück. War das Ganze zu kompliziert? War es zu schwer, Weltpolitik und psychologische Details unter einen Hut zu bringen, eine entsprechende Fabel zu formen, ohne ausgiebig Hintergründe erklären zu müssen? Oder ahnte man, dass die künstlerische Verdichtung keine Chance hätte, mit den authentischen Schicksalen zu konkurrieren?

Wie auch immer: Auch Wolfgang Kohlhaase und Volker Schlöndorff benötigten Jahre, bis aus der Idee ein fertiger Film wurde. Ein Film mit starken Szenen und mit Ungereimtheiten, mit erzählerischen Löchern, merkwürdigen Fehlern, ein tastender Film - ein achtbarer Versuch. Spannend ist unter anderem zu beobachten, dass »Die Stille nach dem Schuß« freigehalten wurde von jeglicher Denunziation. Dazu gehört, dass die Haltungen westdeutscher Terroristen nicht a priori verurteilt werden, sondern eine differenzierte Sicht erfahren: Der Überdruss junger Leute an der Praxis des real existierenden Imperialismus wird durchaus ak zeptiert, wobei die persönlichen Schlussfolgerungen, die Wege ins Verbrechen, als furchtbare Irrtümer gezeichnet sind - eine Sicht, die schon Schlöndorffs mittlerweile klassischen Film »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (1975) ausgezeichnet hatte. Weitgehend frei von Häme skizziert der Regisseur auch den Alltag der DDR, selbst die Stasi-Figuren, die ansonsten immer für Zerrbilder herhalten mussten, wirken erstaunlich undiabolisch. Martin Wuttke und Dietrich Körner spielen Pragmatiker zwischen Idealismus und Wahn: starke Studien eines kleinbürgerlichen Establishments.

Woran der Film krankt, ist allerdings der Umgang mit der Hauptperson. Bibiana Beglau als Rita Vogt bemüht sich zwar redlich, die inneren Welten der oftmals arg naiven Heldin plausibel zu machen. Indes: Die Darstellerin hatte verdammt wenig zu spielen; die Eingliederung ihrer Figur ins System der DDR, ihre Übereinkunft mit dem Alltag des Ostens gerät zu schnell, zu wenig problemhaft. Interessanter als Rita sind zwei andere Frauen, die die Heldin einen Schritt ihres Weges begleiten: Tatjana (Nadja Uhl), die ebenso radikale wie verbitterte Freundin, die in den Westen will, trinkt und ihre Arbeit verbummelt und schließlich, weil sie Ritas wahre Vita erkannt haben könnte, von der Stasi in den Knast gesteckt wird. Noch intensiver wirkt die Geschichte der Friederike (Jenny Schily), einer anderen Terroristin, die wie Rita in die DDR übersiedelte und ihr nach Jahren wieder begegnet: eine Frau, die an dem Mief und Muff der Datschengesellschaft zerbrochen ist.

In den knappen Dialogen zwischen Rita und Friederike bei einer zufälligen Begegnung an der Ostsee offenbart sich die Kunst Wolfgang Kohlhaases, Biografien pointiert auf den Punkt zu bringen. Auch als Rita ihren Kolleginnen am Ende der DDR entgegenhält, ob sie nicht wüssten, was sie verlieren würden, stockt einem der Atem. Solche Momente heben den Film weit übers Mittelmaß hinaus, geben ihm unkonventionelle politische Dimensionen. Der finale Exitus der Heldin ist dagegen ein bisschen zu viel Kintopp: So hollywoodisch war die deutsche Vereinigung nun auch wieder nicht. ?

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