Französische Sicht auf die Krise

Christian Chavagneux fordert eine Diskussion über die Kontrolle des Finanzsektors

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Ausgang der größten Krise der Geschichte ist noch offen, warnt ein französischer Publizist in seinem neuen Buch.

Gibt es eine französische Sicht auf die aktuelle Finanzkrise? Ja, meint Christian Chavagneux, der in seinem neuen Buch eine Krise beschreibt, deren Ausgang noch offen ist. Und die in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen wird. »Wenn wir uns die Krisen der Vergangenheit ansehen, stellen wir fest, dass sie nicht nur ähnlich sind, sondern offensichtlich auch nach ein und demselben Schema ablaufen«, schreibt der Chefredakteur der Zeitschrift »L›économie politique«. Es müsse also eine gemeinsame Logik in allen Variationen des Kapitalismus geben.

Beispiel Tulpenmanie: Im Goldenen Zeitalter der Niederländer wurden Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt. Zwei Entwicklungen machten aus einem wenige Erntemonate lang geöffneten Markt einen ganzjährigen Finanzrummel. Neue Akteure traten auf - etwa Floristen, die als Vermittler zwischen Blumenzüchtern und Kunden agierten. Heute würde man sie wohl als Hedgefondsmanager bezeichnen. Und Finanzinnovationen wirbelten ab 1635 den Tulpenjahrmarkt auf: Man begann, Zwiebeln zu kaufen und zu verkaufen, die noch in der Erde steckten. Dafür entwickelte sich ein Sekundärmarkt mit abgeleiteten Finanzprodukten (»Derivate«), die in allen folgenden Finanzkrisen eine große Rolle spielten. So wurden in den 2000er Jahren US-Hauskredite in Wertpapiere verwandelt, die weltweit gehandelt wurden.

Aber solches ist für Christian Chavagneux nur Oberfläche. Begünstigt werden Finanzkrisen durch soziale Ungleichheit. So waren die Kaufleute in der Kolonial- und Handelsnation »steinreich«, sie konnten sich Häuser aus Stein leisten. Wie alle Reichen suchten sie nach Anlagemöglichkeiten für ihr Geld. Der Tulpen-Finanzboom kam da gerade recht. Bis die Blase platzte und der Schaden von den Regenten sozialisiert wurde. In dem sozial tief gespaltenen Land setzten Kaufleute, die oft auch der politischen Elite angehörten, Regeln durch, die den Finanzakteuren freie Hand ließen, und ihr Kapital blieb von Steuern verschont. Chavagneux sieht in solchen »ideologischen Entscheidungen« und einem »katastrophalen politischen Management« die eigentlichen Wurzeln der Krisen. Der Kapitalismus ließe sich politisch bändigen.

Auch heute: Seit dem Jahr 2000 summierten die Steuersenkungen allein in Frankreich auf 400 Milliarden Euro oder 20 Prozent des Wirtschaftsleistung und hinterließen der Regierung François Hollandes einen mächtigen Schuldenberg.

Die Macht der Reichen, Steuersenkungen durch den Staat und liberalisierte Finanzmärkte - die drei Unheiligen arbeitet Chavagneux in seinem aus der Flut der Titel zum Thema herausragenden Buch für alle großen Finanzkrisen seit dem 17. Jahrhundert heraus. In seiner Analyse der aktuellen Krise kommt er aus französischem Blickwinkel letztlich zu ähnlichen Schlüssen wie der US-Ökonom Paul Krugman oder der Deutsche Rudolf Hickel.

Die Linken sollten genau hinschauen. G20 und EU, USA und Großbritannien hätten »Lehren aus der Krise gezogen«. Die Schaffung neuer Kontrollinstanzen und Regulierungen nach Jahrzehnten hemmungsloser Deregulierung zeugten von einem »echten ideologischen Wandel«. Man erkenne an, dass sich die Märkte eben nicht selbst regulieren könnten und dass Finanzstabilität ein politisches Ziel sein muss.

Doch die Regulierungen werden erst 2018/19 greifen, viele Fragen sind offen und es gibt schwarze Löcher. Entscheidend werde sein, so Chavagneux, ob die staatlichen Regulierer »wirklich handeln wollen«. Dazu bedürfe es einer ständigen demokratischen Diskussion über die Kontrolle des Finanzsektors. Davon ist man nicht nur in Frankreich weit entfernt.

Christian Chavagneux, Kleine Geschichte der Finanzkrisen - Spekulation und Crash bis heute, Rotpunktverlag, Zürich 2013, Paperback, 272 S., 29,90 €.

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