Der Marsmensch

Denis Newiak überstand die Vorauswahl für eine Weltraumreise ohne Rückkehr. Ein Porträt

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Während er sich mit einem Zeitungsredakteur unterhält, klingelt das Telefon. Eine Radiostation möchte mit Denis Newiak sprechen - über seinen Traum von einem Flug zum Mars, den er möglicherweise verwirklichen kann. Denn Newiak schaffte es gerade in den erlesenen Kreis von 1058 Männern und Frauen, die jetzt auf Herz und Nieren überprüft werden. Mehr als 200.000 Menschen hatten sich bei der niederländischen Stiftung »Mars One« für eine beinahe unglaubliche Weltraummission beworben. Denn eine Rückkehr zur Erde ist aus Kostengründen nicht vorgesehen.

Kaum legt Denis Newiak auf, bimmelt sein Mobiltelefon erneut. Diesmal ist ein Fernsehsender dran. »Das hört gar nicht mehr auf«, bemerkt der 25-Jährige lächelnd. Vor ein paar Tagen gab es die ersten Veröffentlichungen darüber, dass er sich für die nächste Runde qualifizierte. Nun melden sich immer mehr Journalisten.

Die Geschichte ist »spektakulär«, gibt Newiak zu. Im Jahr 2025 sollen zwei Männer und zwei Frauen nach sieben Monaten Flug als erste Menschen auf dem Mars landen. Im Abstand von jeweils zwei Jahren folgen dann fünf weitere Raumschiffe mit jeweils vier Besatzungsmitgliedern. Alle zusammen sollen in einer Forschungsstation wohnen, Experimente machen und den Planeten erkunden. Sie sollen auch herausfinden, ob er sich für eine Besiedlung eignet. Der Sauerstoff zum Atmen muss aus Wasser erzeugt werden, das auf dem Mars wahrscheinlich zu finden ist.

Trotzdem bleibt die Mission ein extrem gefährliches Wagnis. Aber das ist hier noch nicht einmal der Knackpunkt. Die Beteiligten müssen bis an ihr Lebensende auf dem Mars bleiben. Denn eine Abschussrampe und genügend Treibstoff für eine Rückreise hochzubringen, würde Unsummen verschlingen. Darum kalkulierten staatliche Raumfahrtbehörden wie die NASA bisher mindestens 20 Milliarden Euro für eine solche Mission und ließen die Finger davon. Konkrete Pläne gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. Aber ein entscheidender Antrieb für die Raumfahrt in der USA und in der Sowjetunion, der Prestigegewinn, zählt seit dem Ende des Kalten Kriegs kaum noch. Darum engagiert sich nun die Stiftung »Mars One«. Sie will mit sechs Milliarden Euro für die erste bemannte Reise und vier Milliarden für die folgenden Flüge auskommen, indem auf eine Rückkehr verzichtet wird.

Das klingt verrückt und ein Kommilitone sagte dem Studenten Newiak gerade erst ins Gesicht, dass er tatsächlich verrückt sein müsse. Doch der 25-Jährige aus Potsdam wirkt keineswegs verrückt - lediglich sehr überzeugt von dem Vorhaben, das er redegewandt verteidigt, so dass er bereits ironisch gefragt wurde, ob er der Pressesprecher der Stiftung sei. Dabei hegt Newiak durchaus selbst Bedenken. Die Tatsache beispielsweise, dass Alte und Behinderte sicherlich chancenlos sind, geht ihm gegen den Strich. Ein wenig Bauchschmerzen bereitet ihm darüber hinaus die Absicht von »Mars One«, zuletzt bei verschiedenen Fernsehshows jeweils einen von 20 bis 40 Kandidaten durch die Zuschauer für einen Flug zum Mars auswählen zu lassen. Doch das scheint erforderlich zu sein. Zu alte Astronauten könnten die Strapazen nicht überstehen und die Fernsehsendungen sollen erheblich zur Finanzierung der Mission beitragen.

Die Shows und die später beabsichtigten Liveübertragungen vom Mars haben für Newiak auch einen Aspekt, der ihn für dieses Raumfahrtprojekt begeistert: die Möglichkeit, »breite Bevölkerungsschichten aus aller Welt an der Durchführung der Mission zu beteiligen«. Der Ruhm, als erste Mensch auf dem Mars zu stehen, bedeutet ihm nichts. Das Abenteuer lockt ihn nicht. Ihm geht es um ganz andere Dinge, um politische Fragen. Der junge Mann sieht eine historische Chance, die Fehler, die auf der Erde gemacht wurden, auf dem Mars nicht zu wiederholen und eine ganz neue, gerechte Gesellschaft aufzubauen. Das könnte dann Signalwirkung haben für die Erde, auch hier die scheinbar festgefahrenen Wege zu verlassen. Ethische Fragen ließen sich ebenso beantworten. Es besteht die Ansicht, die Reise zum Mars ohne Rückkehr sei nicht vertretbar und müsste verboten werden. Da sagt Newiak: »Wieso wird nicht verboten, dass eine Milliarde Menschen auf der Erde mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen.«

Sicher würden die Lebensbedingungen auf dem Mars zunächst »absurd« hart sein, weiß Newiak. Die Forschungsstation wäre aber gewiss komfortabler als die Behausungen von Milliarden Menschen. So wie die Kosmonauten nie wieder woanders hin könnten, so können auch diese Erdenbürger nicht wegziehen. Sie sind bitter arm, haben keine Alternative. In seinem Bewerbungsvideo visualisierte Newiak seine Überlegungen mit einem Foto von einem Elendsviertel.

Die Liveübertragungen vom Mars würden nicht nur »das Interesse für astronomische Zusammenhänge auf unterhaltende und spannende Weise erhöhen«, zeigt sich Newiak überzeugt. »Umweltzerstörung, Massenarmut und politisch-ökonomische Dauerkrise« erfordern seiner Ansicht nach »ein grundsätzliches Neudenken menschlicher Gesellschaft und damit auch die Bereitschaft zum Erproben neuer sozialer Systeme, wozu auch gehören sollte zu verstehen, wie eine Siedlung außerhalb der Erde dauerhaft funktionieren könnte«.

Wie hat die Familien darauf reagiert, dass Denis Newiak für immer zum Mars fliegen möchte? »Die Eltern haben erst einmal komisch geguckt, es wahrscheinlich für einen Scherz gehalten«, sagt er. »Aber dann habe ich ihnen meine Gründe erläutert. Inzwischen unterstützen sie mich. Sie sind selbst wissenschaftlich interessiert.«

Aber bis zu einem Start ist es noch ein weiter Weg. Erforderlich wären nach dem Auswahlverfahren noch sechs Jahre Training und Vorbereitung. Der Gedanke, zum Mars zu fliegen, fasziniert indes unzählige Menschen, selbst wenn sich die übergroße Mehrzahl nicht vorstellen könnte, es selbst zu tun.

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