Die zweite Chance für Hoyerswerda

22 Jahre nach ausländerfeindlichen Ausschreitungen wird in der Stadt wieder ein Flüchtlingsheim eröffnet

  • Von Hendrik Lasch, Hoyerswerda
  • Lesedauer: 4 Min.
Seit 1991 Ausländer von einem Mob aus Hoyerswerda verjagt wurden, war der Name der Stadt Synonym für Fremdenfeindlichkeit. Nun wird ein Flüchtlingsheim eröffnet - Gelegenheit, das Bild zu korrigieren.

Der Geruch von Putzmittel hängt in der Luft. Es wird gearbeitet bis zum letzten Moment. Doch die Betten sind bezogen, die Stühle stehen am Tisch, und im Spielzimmer kleben Poster mit Feen an den Wänden. Nur die Bewohner fehlen noch im neuen Flüchtlingsheim von Hoyerswerda. Der Betreiber bekam jetzt vom Landkreis Bautzen die Schlüssel übergeben; zudem wurden die Bürger zum »Tag der offenen Tür« in der ehemaligen Förderschule »Albert Schweitzer« eingeladen, die für 900 000 Euro zu einer Unterkunft für bis zu 120 Asylbewerber umgebaut wurde.

Dass derlei Einrichtungen eröffnet werden, ist keine Seltenheit; die Zuwandererzahlen steigen überall in der Bundesrepublik an. In Hoyerswerda indes ist nicht nur das Interesse der Bürger groß, sondern auch das der Medien: Kamerateams und Fotografen kommen aus anderen Bundesländern und selbst dem Ausland. Nun filmen sie die nüchternen Zimmer mit Spinden und Doppelstockbetten, denen es an jeder Form von Luxus und Gemütlichkeit gebricht.

Die Gründe sind in der Geschichte zu suchen. Im September 1991 gab es in Hoyerswerda üble ausländerfeindliche Ausschreitungen, die sich gegen ein Wohnheim für Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam sowie gegen Asylbewerber richteten. Es gab 32 Verletzte; 230 Bewohner wurden am Ende unter Polizeischutz evakuiert. Seither galt der Name der ostsächsischen Stadt bundesweit als Synonym für Fremdenfeindlichkeit.

Diese Geschichte sei der Kommunalpolitik bewusst, sagt Geert Runge, Dezernent im Bautzner Landratsamt. 22 Jahre nach den Übergriffen habe die Stadt aber »eine zweite Chance verdient«. Die wird ihr aber nicht zuletzt auch deshalb eingeräumt, weil Unterbringungsplätze dringend benötigt werden. Allein im Landkreis Bautzen leben derzeit 653 Asylbewerber, 369 mehr als 2008. Weitere 600 dürften im Laufe des Jahres 2014 zugewiesen werden. In den zwei bestehenden Heimen in Bischofswerda und Kamenz seien, sagt Runge, »momentan alle Plätze belegt«.

Auffällig viele Bürger in Hoyerswerda scheinen gewillt, die zweite Chance zu nutzen; sie mühen sich frühzeitig, vieles besser zu machen als 1991. Im November gründete sich eine Bürgerinitiative namens »Hoyerswerda hilft mit Herz«. Sie wolle Bewohnern im Heim helfen, indem zum Beispiel Kleiderspenden oder Schulmaterial gesammelt wird, sagt der evangelische Pfarrer Jörg Michel. Zudem wolle man die Flüchtlinge in das Stadtleben integrieren und ihnen Zugang zu Sportvereinen und Kultureinrichtungen verschaffen. Im Netzwerk seien bereits 110 Menschen verbunden, sagt Michel und fasst dessen Anliegen in einem knappen Satz zusammen: »Es geht darum, dass man sich nicht fremd bleibt.«

Trotz dieses Engagements sorgt ein forscher Satz des Dezernenten für etlichen Wirbel. Hoyerswerda habe die fremdenfeindlichen Vorfälle »aufgearbeitet wie keine andere Stadt«, sagte Runge; zudem seien für die Übergriffe 1991 »rechte Chaoten von außerhalb« verantwortlich gewesen. Es hätten aber viele Bürger von Hoyerswerda Beifall geklatscht, sagt Helga Nicklich vom Verein RAA, der Bildungsprojekte für Toleranz und Demokratie anbietet. Von denen gab es in den 22 Jahren seither tatsächlich viele. Trotzdem sei, sagt eine Stadtkennerin, Alltagsrassismus dort weiter verbreitet. Und wie aktiv die rechte Szene ist, illustrierte der am Montag beendete Prozess gegen acht Neonazis, die ein Paar vertrieben hatten, das sich gegen Rechts engagierte.

Dass es die Bürgerinitiative gibt, stößt auf Lob: Es sei selten, dass man »so früh und so professionell« Hilfe angeboten bekomme, sagt Renate Walkenhorst vom Heimbetreiber European Homecare GmbH. Zugleich ist aber klar, dass nur ein kleiner Teil der 35 000 Einwohner aktiv mitarbeitet. Oberbürgermeister Stefan Skora sieht denn auch eine Dreiteilung der Bürgerschaft: »Ein Teil ist für das Heim, einem Teil ist es gleichgültig, und ein Teil ist strikt dagegen.« Es sei Aufgabe von Verwaltung und Bürgerschaft, dass letztere Gruppe, die bisher nur auf Facebook präsent ist, »nicht die Deutungshoheit gewinnt«.

Ob das gelingt, wird sich erst zeigen, wenn tatsächlich Asylbewerber nach Hoyerswerda kommen und die jetzt noch leeren Zimmer beziehen. Der Termin ist offen: Die zentrale Aufnahmestelle in Sachsen kündigt Zuweisungen drei Tage im Voraus an. Die Verantwortlichen im Rathaus und viele Bürger hoffen inständig, dass es danach nicht zu Protest oder gar zu Übergriffen kommt. Die Lage des Heims ist zwar günstig, sagt Renate Walkenhorst: In direkter Nachbarschaft befinden sich nicht nur das Rathaus, eine Schule und eine katholische Kirche, sondern auch die Polizeiwache. Die freilich ist, wie der Prozess gegen die acht Nazis zeigte, nachts mit höchstens sechs Beamten besetzt. Als das Paar im Oktober 2012 massiv bedroht wurde, war die Polizei völlig überfordert. Am Ende vertrieb man nicht die Angreifer, sondern brachte die Opfer aus der Stadt - faktisch genauso wie 1991.

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