Aufhebung der Leibeigenschaft

Russische Regierung pumpt Geld in Elite-Unis und Spitzenforschung

  • Ulrich Heyden , Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Wladimir Putin haben die Proteste der russischen Wissenschaftler im Sommer letzten Jahres offenbar doch beeindruckt. Mitte Januar erließ der Kreml-Chef nach einem Treffen mit dem Präsidenten der russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) Wladimir Fortow ein Moratorium, nachdem bei der Akademie ein Jahr lang keine Immobilien verkauft und kein Personal entlassen werden darf. Der neu gegründeten Finanzagentur FANO, welche Finanzen und Immobilien der RAN verwalten und nach Sparpotenzialen durchforsten soll, sind nun die Hände gebunden. Der Mathematiker Andrej Zaturjan vom Institut für Maschinenwesen sieht das Moratorium positiv. Putin habe »auf die Öffentlichkeit gehört« und wolle »die Situation nicht verschärfen«, lobt er.

Im September 2013 beschloss die Duma ein Gesetz zur Zusammenlegung der Russischen Akademie der Wissenschaften (100 000 Mitarbeiter) mit den kleineren Akademien für Medizin und Landwirtschaft. Weil die Wissenschaftler der RAN befürchteten, dass viele der über das ganze Land verstreuten 450-RAN-Institute geschlossen werden und es zu Entlassungen kommt, gab es im Sommer letzten Jahres Protest-Kundgebungen. Allein in Moskau beteiligten sich daran 2000 Wissenschaftler. Viele von ihnen befürchten, dass die neue Finanzagentur FANO Personal reduziert, Immobilien verkauft und die Institute an den Stadtrand verlegt. Die Verabschiedung des Reform-Gesetzes verstärkt bei jungen Wissenschaftlern die Tendenz, sich nach einer Arbeit im Ausland umzusehen, meint der Mathematiker Zaturjan. »Wir sind nicht gegen Reformen«, sagt er. Man sei aber gegen eine Reform, »die in einer Geheimoperation ohne Beratung durchgezogen wird.«

Das Gesetz zur Reform der RAN war während der Sommerpause ohne vorherige Beratung mit der Akademie durch die Duma gepeitscht worden. Bis heute ist nicht klar, nach welchen Kriterien entschieden wird, welches der 450 RAN-Institute nicht effektiv arbeitet, was eine Schließung oder die Zusammenlegung mit einem anderen Institut zur Folge hat. »Dass die RAN hierarchisch aufgebaut, nicht effektiv, sehr groß und bürokratisch war, dass der Kreis der Akademiker alles entschieden hat, daran besteht keine Zweifel«, kritisiert Zaturjan. Doch jede Reform der Akademie müsste »mit der Aufhebung der Leibeigenschaft beginnen«. Damit meint der Mathematiker die Unterordnung der wissenschaftlichen Mitarbeiter unter die Akademiker und Professoren. Denn nur sie entscheiden über die Verteilung der Forschungs-Gelder. Die Verteilung der Gelder ist in Russland nicht transparent und ausländische Wissenschaftler sind an den Expertenräten die über Forschungsprojekte entscheiden in der Regel nicht beteiligt.

Aleksandr Schipljuk, der zum Präsidium der Akademie der Wissenschaften gehört und in Nowosibirsk ein Laboratorium zu Überschall-Technologie leitet, nennt gegenüber »nd« noch ein anderes großes Problem. Nach einem Erlass von Putin werden die Gehälter der Wissenschaftler jetzt zwar um das eineinhalbfache erhöht. Doch die Leiter der wissenschaftlichen Einrichtungen wissen nicht, woher sie das Geld für die Gehaltserhöhungen nehmen sollen, denn das Budget der wissenschaftlichen Einrichtungen bleibt unverändert. »Wir müssen also andere Finanzierungsquellen finden oder drastische Personaleinsparungen vornehmen«, sagt Schipljuk. Von den Personaleinsparungen seien insbesondere junge wissenschaftliche Mitarbeiter betroffen.

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