«Der glücklichen Stunde Sinn»

Tunesien: Nach 100 Jahren auf den Spuren von Paul Klee und August Macke

Nachmittags erscheint die afrikanische Küste, später deutlich die erste arabische Stadt: Sidi Bou Said. Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Land verheißungsvoll. Macke spürt das auch. Wir wissen beide, dass wir hier gut arbeiten werden.«

So notiert von Paul Klee in seinem Tagebuch einer Tunesienreise, zu der er fast auf den Tag genau vor 100 Jahren gemeinsam mit August Macke und (dem später weit weniger einflussreichen) Louis Moilliet aufgebrochen war. Zwei Wochen nur hatte das Ganze gedauert. Allerdings von künstlerischen Eindrücken prall gefüllt, die später überaus prägend für die Klassische Moderne des 20. Jahrhunderts werden sollten. Der bisherige Zeichner Paul Klee entdeckte sich in diesen Tagen als Maler: »Der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins.« Er sollte zu einem der Protagonisten des Konstruktivismus und Surrealismus werden. Der als expressionistischer Maler damals bereits arrivierte August Macke vertiefte die mitgebrachten Skizzen und Fotos nach der Rückkehr im Sommer 1914 daheim zu einem eruptiven künstlerischen Reisefazit. Das leider auch zu seinem Lebensfazit wurde; als Kriegsfreiwilliger fiel er im September des gleichen Jahres dem gegenseitigen Abschlachten im Weltkrieg zum Opfer.

Das von Paul Klee erwähnte Sidi Bou Said, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Tunis, ist bereits seit langem ein Künstlerdorf. Nicht allein wegen Klee, Macke & Co, aber doch sehr wesentlich wegen ihnen. Die Menschen hier, ihre Lebensweise, der mystische Hauch des Sufismus, der mythische eines Hannibal, das Meerespanorama am Kap von Karthago inspirierten besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche avantgardistische Künstler und Schriftsteller. Ob Gustave Flaubert oder Simone de Beauvoir, Oskar Wilde oder André Gide. Ein französischer Mäzen, Baron Rodolphe d'Erlanger, der 1912 das erste Mal her kam, sorgte bald dafür, dass alles denkmalgeschützt wurde: die Altstadt mit den weiß getünchten Häusern, auf denen die Sonne Schattenbilder malt, mit ihren blauen, mit Nägelornamenten beschlagenen Türen, mit den Mouch-Arabias, den verschnörkelten Fensterziergittern, und natürlich mit dem Café des Nattes. In dem rauchte auch das nach Inspiration lechzende Malertrio Klee-Macke-Moilliet seine Shisha, trank Minzetee und schaute durch die Fenster verstohlen den verschleierten Schönen nach.

Eine der zahlreichen Galerien des Ortes ist die von Hamadi Cherif. Er bereitet derzeit eine Ausstellung zeitgenössischer Tunesienfotos von August Macke, Wassily Kandinsky und dessen Fotografenfreundin Gabriele Münter vor. Im April soll sie in Djerba und im Juni in Sidi Bou Said zu sehen sein. Noch ehrgeiziger ist das für den Herbst geplante Projekt einer Aquarellausstellung Klee-Macke-Moilliet im Bardo-Museum von Tunis. »Etliche weltweite Zusagen für Leihgaben stehen leider unter Vorbehalt«, schränkt der Galerist ein. Wie zu hören, kann das Bardo-Museum derzeit offenbar noch nicht alle klimatechnischen Voraussetzungen garantieren.

Die Designerin Sadika Keskes nähert sich dem 100-jährigen Tunesienreisejubiläum der europäischen Moderne-Avantgardisten auf andere Weise. Sie hatte Teppichweberinnen Motive von Paul Klee zur Diskussion und Anregung vorgelegt. »Die haben ihn sofort verstanden«, erzählt sie. Diese Weberinnen stammen aus dem zentraltunesischen Sidi Bouzid, eben der Stadt, von der Ende 2010 die Tunesische Revolution ausging. Sie gehören dem Verein »femmes montrez vos muscles« an (s. v. w. Frauen zeigen, was sie drauf haben). Längst bietet Sadika Keskes deren neue Teppichmuster in ihrer Verkaufsboutique an. Von Anfang August bis Ende September gibt es zudem Ausstellungen in Djerba, Sidi Bou Said und Kasserine. Dort sollen den von Kleearbeiten inspirierten Entwürfen als sinnverwandter Kontrast auch traditionelle tunesische Muster gegenübergestellt werden.

Die drei Malerfreunde nächtigten damals vor 100 Jahren vor allem in Tunis bei dem aus der Schweiz stammenden Arzt Dr. Ernst Jäggi und im Grandhotel de France. Die Medina, also die Altstadt, mit ihrem ausufernden Souk, einem der größten überdachten orientalischen Märkte überhaupt, mit der Ez-Zitouan-Moschee, dem Hafentor und - so jedenfalls in Klees Tagebuch zu lesen - auch der Bordellgasse dürften auf sie wie wahr gewordene 1000 und eine Nacht gewirkt haben. »Materie und Traum zu gleicher Zeit, und als Drittes ganz hinein verfügt mein Ich«, notiert Klee nach dem ersten Spaziergang in Tunis geradezu euphorisch.

Den Besuchern heute bietet sich die Realität durchaus ähnlich dar. Doch den Reiz, den sie dereinst auf die sensiblen Künstlergemüter ausübte, kann man zwar ahnen, aber in der Wirkung kaum nachempfinden. Was damals ein extremes, tief aufwühlendes Erlebnis gewesen sein muss, gilt heute aus europäischer Sicht als allgemein bekannte Gebrauchsexotik. Die modernen Medien haben es für uns weitgehend zur Normalität abgestumpft oder gar glatt gewalzt. Doch selbst der kleinste Versuch, Tunesien dennoch mit den Augen und Sinnen besagter Malerfreunde sehen und genießen zu wollen, lohnt allemal.

Zumindest auf gutem Weg dahin ist, wer auch den Ausflügen von Klee, Macke und Moilliet weiter ins Land folgt. Verlässt man Tunis südwärts, kommt man ins einstige St. Germain, das seit 1962 Ezzahra heißt, wo eine Strandvilla von Dr. Jäggi ihren Dornröschenschlaf hält. Wahrscheinlich waren die jungen Maler damals nur einen Tag lang hier, doch mit welch einer Wirkung beispielsweise auf Mackes Aquarelle!

Noch weiter südwärts ging es vor 100 Jahren mit der Eisenbahn über Hammamet nach Kairouan und zurück. Auch heute wird die Straße rechts und links bis zum Horizont von Olivenhainen und Weinfeldern begleitet. Kairouan mit seinen beiden Moscheen ist eine heilige islamische Stadt. Wer sich als tunesischer Pilger Mekka nicht leisten kann (denn das ist für viele heute so gut wie unerschwinglich), könne, so sagt man, statt dessen sieben Mal nach Kairouan fahren. Wie diese Stadt damals auf die Künstler wohl gewirkt hat? Sicher ähnlich wie auf einen ihrer Zeitgenossen: »Wunderbar empfindet man hier die Einfachheit und Lebendigkeit dieser Religion. Der Prophet ist gerade erst gestern, und die Stadt ist sein wie ein Reich.« Rainer Maria Rilke schrieb es von hier am 21. Dezember 1910 an seine Schwester Clara. Klee und Macke verewigten diese Empfindung in der Moderne. Dozenten wie Studenten der Kunsthochschule Kairouan betonen deshalb heute: »Die beiden gehören zum Kulturerbe unserer Stadt.«

Ähnlich ist es von Baker Ben Fredj zu hören, dem Maler, den wir in Hammamet im Südosten von Cap Bon treffen. Auch Hammamet war, ehe es in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Massentourismus hin ausuferte, Inspirationsquelle und Ruhepol vieler Künstler. Vor allem die Villa Dar Sebastian, die arabische Stilelemente mit einem kräftigen Hauch von Bauhaus verbindet, ist noch heute als Kulturzentrum ein Hinweis darauf. In dieser Villa war vor 100 Jahren übrigens auch das junge Malertrio zu Gast.

Baker Ben Fredj arbeitet und lebt in einem von dichten Bougainville-Büschen umrahmten Refugium. »Ich sehe mich als Kind von Klee und Macke«, sagt er. »Ihre lyrische Abstraktion von Licht und Farbe, die sie hier bei uns entdeckt haben, fasziniert mich seit ich zu malen begann.« Bei einem Blick auch auf seine Arbeiten braucht es dazu kaum noch Worte. Und der Blick aus seinem Atelierfenster in die Farben, Formen und Lichtkontraste Tunesiens erklärt, warum das so ist.

Infos:

Fremdenverkehrsamt Tunesien: www.tunesien.info,

Agentur für Kunstvermittlung Stuttgart: www.reisen-kunstvermittlung.de

Literatur:
Tunesien von Rita Henss und Manfred Thiele, Merian live, 2012.
Brennpunkt der Kulturen - Tunesien: Geschichte und Gegenwart von Lucian O. Meysels, Herbig, München, 2004.

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