Metaphern einer gestörten Welt

Mathias Wilds Bilder in der Galerie Parterre sind ein visuelles Ereignis

»Vertigo – der Blicke Fleck« nennt Mathias Wild (Jahrgang 1946), der gebürtige Schweizer, der seit 1970 in Berlin lebt, seine Ausstellung von Bildern und Zeichnungen der letzten Jahre. Vertigo (lat. Schwindel) bezeichnet in der Medizin das Gefühl des gestörten Körpergleichgewichts; die Koordination zwischen den Meldungen aus dem Gleichgewichtsorgan und den optischen, sensiblen Signalen über die Stellung und Bewegung des Körpers im Raum ist nicht in Ordnung.

Übertragen auf die Malerei Wilds und deren ungeheures Spannungsgefüge bedeutet das: Farbe wird gegen Form, Figuratives gegen Abstraktes, Statik gegen Bewegung, Fläche gegen Raum gesetzt, bis eine »Balance«, ein Ausgleich erreicht ist, der, mag das Bild auch noch so »unfertig« erscheinen, dem Maler Einhalt gebietet. Beim nächsten Bild kann der unterbrochene Malprozess dann von einem neuen Ausgangspunkt aus weitergeführt werden.

Störungen, Brechungen, Übermalungen, Durchdringungen, Überlagerungen, Schichtungen, Umklappungen, Kippungen, Stufungen, Staffelungen, Verwerfungen, neue Behauptungen gehören deshalb zum Grundgerüst von Wilds Malerei. Die feste Monumentalität der Bildordnung stößt mit der pulsierenden Bewegtheit der einzelnen Bildteile, die Lineatur der Konstruktion mit dem wogenden Gefüge der Farben zusammen. Die Formen schildern eine mal imaginäre, mal reale, eine zwischen sehr nah und sehr fern alternierende Bilderwelt. Der Maler scheint wie besessen von der Idee, die Fläche eines Bildes mit einer fast gleichwertigen Verteilung malerischer Ereignisse zu überziehen. Die verschlungenen Oberflächen werden zu äußersten labyrinthischen Verwirrungen weiterentwickelt. Dann aber auch wieder verdampfen »nur« nebelhaft Farbtönungen von ausziehender, fesselnder Kraft über das Blatt.
Der Maler baut eine Bildwirklichkeit aus gegenstandslosen Elementen und schafft durch rationelle Bildbezüge wie Umriss, Perspektive, Horizont, Vorder-, Mittel- und Hintergrund die Möglichkeit einer scheinbaren Identifizierung mit Himmel und Erde, Wasser, Gesteinsformen, Landschaftsausschnitten, Architektur, Stillleben, Figurativem oder Objekthaftem, die sich dem rationalistischen Vergleich jedoch unversehens wieder entziehen. Eine Welt der Gesichter und Träume, Bruchstücke von Erfahrenem und Erinnertem.

Seinen großformatigen, meist titellosen Bildern hat er eine ganze Installation von Skizzen mit szenischem, anekdotischem Charakter beigegeben, die als Erweiterung, »selbständiger Strang«, auch Kommentar zu seiner bildnerischen Arbeit verstanden werden sollen. Jüngste Arbeiten auf Wellkarton beziehen die Eigenschaften und Aufdrucke des Materials, einschließlich der Schnitte und Öffnungen, reizvoll in die Bildidee mit ein bzw. konterkarieren sie.

Für Wild gibt es keine strikte Trennung zwischen dem gegenständlichen und dem ungegenständlichen Bereich, für beide entwickelt er eine Sprache von unerhörter Kraft wie Sensibilität. Für die reine Linienspur auf dem weiten Weiß des Papiers ebenso wie für die organische Linie, die den menschlichen Körper umgrenzt. Und so gelingt es ihm überzeugend, beide Linienspuren, die der Körperumgrenzung und die ihren eigenen Weg verfolgende, auf einem einzigen Bild zusammenzufügen. Wie er Gegenstände oder Materialteile ähnlich einem objet trouvé (Fundstück) seinem Bild einfügt, so erscheint ihm auch das Bild des Menschen oder nur der Kopf (mitunter sind es Pixelfiguren) als objet trouvé, als das wiedergefundene Menschenbild, und er bindet es der Fläche ein, zusammen mit scheinbar banalen, jetzt aber plötzlich vielsagenden Gebrauchsgegenständen, in denen er die alte Bildsymbolik des Verschlossenen, sich dem Eindringling Öffnenden, des hortus conclusus, des irdischen Paradieses, zu neuer Poesie führt.
Die Auflösung der herkömmlichen Optik ist mit der Entstehung von zeichenhaften Gebilden verbunden, die aus sich selbst sprechen, ohne rationalistisch verständlich zu sein. Farben und Impulse, die keine Form beinhalten, können in ihrem Ablauf zu formähnlichen oder zeichenähnlichen Bildungen führen. Ganze Assoziationsketten, durch Antriebe aus dem Unbewussten halb ins Begreifen gerückt, ziehen sich durch die Bilder von Matthias Wild. Sie lassen die Abfolge der Bilder zu einer Botschaft werden, die erst aus der Vielfalt der Variationen des Themas verständlich wird, indem die äußeren Assoziationen immer wieder eine ähnliche Reaktion des Unbewussten hervorrufen.

So entsteht eine Zwie-, eine Vielgesichtigkeit der Dinge, wenn man sie aus dem gewohnten Zusammenhang nimmt und in anderen Zusammenhängen überraschend wieder auftauchen lässt. Die Bilder können sowohl Formsignale, Gestaltzeichen, die Figürliches assoziieren, als auch Erlebnisberichte, Bewegungsabläufe oder »nur« Vibrationen und Klangbilder sein. Dieser Maler ist eine große Bereicherung der Berliner Kunstszene.

Galerie Parterre, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, Mi–So 13–21 Uhr, Do 10–22 Uhr, bis 16. März. Arbeitsheft Mathias Wild 10 €.

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