Zwischen den Einflusszonen

Im Kino: »In Sarmatien« von Volker Koepp

Wenn man die östliche Grenze Europas am Ural zieht, dann liegt die historische Landschaft Sarmatien ziemlich genau in Europas Mitte. Was in der Antike ein Randgebiet war, in dem nomadische Reiterhorden lebten, und sich heute geopolitisch vor allem aus seiner Nähe zu Russland und seiner jungen und gelegentlich umkämpften Unabhängigkeit definiert, fühlt sich für seine zwischen Sorgen und Hoffnung schwankenden Bewohner an wie ein zentrales Stück Europa.

Für Dokumentarfilmemacher Volker Koepp wurde Sarmatien zum Sehnsuchtsort, als er die Gedichte entdeckte, die Johannes Bobrowski diesem weiten Land an der Sollbruchstelle zwischen den Einflusszonen widmete. »In Sarmatien« ist eine zweistündige Reise von der Ostsee ans Schwarze Meer und zurück, von Litauen in die Ukraine, von Moldawien über Weißrussland bis nach Kaliningrad. Von Meer zu Meer, von Stadt zu Land und von Fluss zu Fluss – Weichsel, Dnister und Memel, die zu Grenzen wurden im Hin und Her der Geschichte und deshalb eigentlich blutrot fließen müssten, wie eine Zeitzeugin von Moldawien aus mit Blick auf Transnistrien kommentiert.

Und mitten in der Landschaft die Menschen, die zu Hause in Frieden und Prosperität leben möchten, aber oft genug wandern müssen, um ein Auskommen zu finden. Und Angst haben, dass sie vom einen politischen System vergessen und vom anderen geschluckt werden könnten. Litauen als einziges im Westen verankertes der bereisten Länder bleibt Zwischenstation und bietet vor allem Anlass, den ersten einer Reihe von Ausschnitten früherer Filme einzuweben, die Koepp auf denselben geopolitischen Spuren drehte: »Grüße aus Sarmatien« über das litauische Memelland, »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« über die aussterbende jüdische Gemeinde im heute ukrainischen Czernowitz, »Kalte Heimat« über die Kaliningrader Exklave. Drei junge Frauen, die Koepp einst im Rahmen seiner Filmarbeiten begegneten, stehen jetzt (wieder) als Zeitzeugen vor der Kamera.

Ana aus Moldawien, zurück aus Berlin in ihrer Heimatstadt Kischinau, wo die Hauskatze sich dran gewöhnen musste, dass immer nur einzelne Familienmitglieder aus dem Ausland zurückkehren. Tanja, die in Jena verheiratet ist und mit ihren Töchtern Ukrainisch spricht, damit die neugewonnene ukrainische Identität nicht in der nächsten Generation schon wieder verloren geht, während ihre halbe Familie als Arbeitsmigranten in Spanien lebt. Und Elena, die in Kaliningrad die Hoffnung aufrecht hält, dass dieser Zipfel Russland zwischen EU-Mitgliedsstaaten als Brücke der Verständigung zwischen Ost und West dienen werde. Felix Zuckermann, Sohn von Frau Zuckermann, harrte in Czernowitz aus. Und im ebenfalls ukrainischen Uman hatte Koepp dann auch Gelegenheit, neues jüdisches Leben an diesem chassidischen Wallfahrtsort zu filmen – das sich hier allerdings eher wie eine alljährlich wiederkehrende Invasion anfühlt.

In Belarus erweist sich in der Nähe von Grodno eine Zufallsbegegnung als besonders ergiebig: ein belorussischer Erbauer von rustikalen Blockhäusern, ein selbstständiger Unternehmer mit Angestellten und dezidierten Meinungen, erzählt von der unnatürlichen Stabilität der politischen Verhältnisse im Land, von Uniformträgern, die sich Übergriffe auf die Bürger erlauben, zu deren Schutz sie eingestellt wurden, und von Wahlen, deren Ergebnis vorab feststeht, an denen teilzunehmen aber gerade deshalb kollektive politische Pflicht sei, nicht individuelles staatsbürgerliches Recht. Er erzählt von seiner Hoffnung auf die Europäische Union, die sich hier doch mal einmischen sollte. Und auch seine Holzhäuser könne er jederzeit gerne in den Westen liefern …

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