Unschuld und Sanktion

Bernd Zeller stellt fest, dass Kriegserklärungen beliebter sind als Wirtschaftseinschränkungen

Unser heutiger Bericht beleuchtet das bis zum Sommer andauernde Themenjahr zum Ausbruch des allerersten Weltkrieges vor einhundert Jahren und die Frage nach der Schuld. Besonders wir Deutschen wünschen uns eine alleinige Schuld Deutschlands, denn dann lag es am Kaiser. Auch noch an Militär und Großindustrie, also nichts, was es heute noch gibt, und wir haben damit nichts zu tun und können nichts dafür. Das ist der deutsche Traum, nichts dafür zu können. Eine deutsche Schuld, für die man nichts kann, das ist der einfachste Weg zu einem guten Gewissen oder mentaler Wellness.

Sollte sich aber herausstellen, dass alle Beteiligten einfach nur entsetzlich blöd waren und verantwortungslos handelten, wird es für uns gefährlich. Blödheit und Verantwortungslosigkeit sind seitdem nicht seltener geworden, erst recht nicht in einer repräsentativen Demokratie. Der Kaiser war ja noch durch Erbfolge bestimmt, Sigmar Gabriel musste sich durch die Gremien kämpfen, nur mal als Beispiel, und begründet seine Karriere auf verlorenen Wahlen.

Unabhängig von beiden Auffassungen muss man die damals herrschende Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung kritisieren. Viele zogen geradezu begeistert in den Krieg, wie man es sich bis vor Kurzem nicht mehr vorstellen konnte. Heute fühlen sich einige vom Krieg in Syrien angelockt, was Soziologen mit Ausgrenzungserfahrungen erklären möchten. Der Krieg grenzt niemanden aus, das ist ihm nach heutigem Verständnis anzurechnen. Damals hat kaum jemand vor einer Militarisierung des Konfliktes gewarnt, schon gar niemand warf den Regierungen vor, Kriegführen ist ja so was von 19. Jahrhundert.

Andererseits kam es zu historischen Nebeneffekten, auf die viele ungern verzichten mögen. Lenin erhielt eine Bahncard zur Reise nach Leningrad zwecks Sturz des Zaren, was ganz gut klappte, der Kaiser ging ins Exil, Österreich wurde gesundgeschrumpft, und die SPD teilte sich, um innerparteiliche Kämpfe künftig auf Augenhöhe mit einer anderen Partei austragen zu können.

All dies konnten die Kriegsbegeisterten vorab gar nicht ahnen, deshalb kann man nicht entlastend relativieren, sondern muss sogar feststellen, dass es womöglich eine demokratisch legitimierte Mehrheit gegeben hätte, wenn das Ergreifen militärischer Verantwortung zur Abstimmung gestanden hätte.

Eine derartige Abstimmung kann es bei uns heute zum Glück nicht geben, denn der Ausgang wäre offen. Es kommt nur darauf an, wie man fragt. Geht es darum, die Rechte der Homosexuellen auf der Krim gegen Putin zu verteidigen, würde bei einer Zufallsumfrage mit Fernsehkamera kaum jemand dagegen sein können, am Telefon anonym auch nur eine Minderheit. Stellt man die Frage, ob der Boxeraufstand von Kiew vom Westen bewaffnet werden soll, wäre die mehrheitliche Antwort: Weiß nicht, wer ist denn der Westen überhaupt und hat der nicht die ganze Sache eingebrockt? Erst, wenn es heißt: Wer will gegen Putin in den Krieg?, können wir voller Stolz dagegen sein, weil wir aus der Geschichte gelernt haben, dass wir Kriege immer verlieren. Überhaupt hätte es schon längst keine Kriege mehr gegeben, wenn nicht immer irgendwer gewinnen würde.

Deshalb ist man in der Historie mit Wirtschaftssanktionen vorsichtiger als mit Kriegserklärungen. Wirtschaftssanktionen gewinnt man üblicherweise nicht, sie sind deshalb nicht populär. Sogar der Sarajewo-Attentäter wird von manchen als Nationalheld verehrt, was ihm nicht zuteil geworden wäre, hätte er auf den Thronfolger eine Wirtschaftssanktion verübt.

Putin übrigens sieht die Krim-Sache so, dass Russland die Krim nicht ausgrenzen will, und gegen Ausgrenzung kann ja keiner etwas haben. Er vergleicht die Rückführung der Krim heim in die Föderation mit einem Vorgang aus dem 20. Jahrhundert, der deutschen Wiedervereinigung.

Dann wäre das bereits die Wirtschaftssanktion.

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