Gefangen im eigenen Körper

Gelähmt, aber nicht tot: Schwede verklagt das Krankenhaus, dessen Ärzte seine Organe entnehmen wollten

  • André Anwar, Stockholm
  • Lesedauer: 3 Min.
Er hörte zu, wie Ärzte über seine Organe verhandelten: Ein Schwede landet gelähmt, aber bei Bewusstsein im Krankenhaus. Statt ihm zu helfen, erklärt man seinen Tod.

Es klingt wie aus einem Alptraum. Für tot gehalten zu werden und es nicht zu sein. Und sich niemandem mitteilen zu können. Für den Schweden Jimi Fritze war das Wirklichkeit. Mit seiner Freundin hatte er in einem romantischen Inselrestaurant an der westschwedischen Küste gegessen. Die beiden teilten sich eine Flasche guten Rotwein und redeten über die Zukunft. Plötzlich brach Jimi Fritze zusammen. In seinem Gehirn war ein Blutgefäß geplatzt - mit einem Schlaganfall wurde er ins Krankenhaus gebracht.

Jimi Fritze werde sterben, es gebe keine Hoffnung, sagten die Ärzte nach zwei Tagen zu dessen Freundin. Sie hatte fast ununterbrochen an seinem Bett gesessen. Aber Jimi könne andere Leben retten, fügte der Arzt schnell hinzu. Fritze sei mit 40 noch jung und habe Organe, die anderen Menschen ein Überleben ermöglichen könnten. Fritze lag bei diesem Gespräch friedlich und scheinbar bewusstlos neben dem Arzt, der Freundin und weiteren Angehörigen. Denen erschien der Vorschlag einleuchtend. Sie willigten ein. Jimi Fritzes Organe sollten anderen helfen. »Wir, seine Familie und Freunde, entschieden, uns gemeinsam von Jimi zu verabschieden, bevor ihm die Organe entnommen werden«, so seine Schwester. Sie nahmen an, dass sei auch in seinem Sinn. Was niemand wusste: Fritze war vom Kopf über Augenlieder bis zu den Zehenspitzen total gelähmt - aber nicht bewusstlos. Und was auch niemand wusste: Die Diagnose des diensthabenden Arztes war völlig falsch.

»Ich war in einem eingeschlossenen Zustand, ein Gefangener in meinem eigenen Körper, als sie über meinen Tod und meine Organe sprachen.« Völlig wehrlos sei er gewesen. Das Einzige, was funktionierte, waren Sehen und Hören. »Ich konnte mich nicht bewegen, nicht reden. Ich hörte, was sie sagten und dachte: Das kann doch nicht wahr sein.« Er habe ständig versucht, Lebenszeichen von sich zu geben. »Aber es ging nicht«, erzählte Fritze im Radio Schweden (SR).

Ein anderer, erfahrenerer Arzt rettete Jimis Leben: Er war am Tag zuvor aus dem Urlaub gekommen und nahm sich die Akte Fritze noch einmal vor. Beim Betrachten der Röntgenaufnahmen bemerkte er die falsche Todesprognose. Jimi werde nicht sterben, konstatierte er gegenüber den schockierten Angehörigen. »Das war ein großes Trauma für meine Verwandten«, erinnert sich Jimi. »Erst zu entscheiden, ob meine Organe weggegeben werden sollen und von mir Abschied nehmen. Und dann kommt ein völlig gegenteiliger Bescheid.«

All das ereignete sich im Juli 2013. Nach dem Schock und zahlreichen Reha-Maßnahmen hat sich Fritze nun entschieden, das renommierte Göteborger Krankhaus anzuzeigen - und die furchtbare Geschichte in den Medien öffentlich zu machen.

»Ich glaube nicht, dass ich der Einzige bin, dem das passiert ist«, sagt der Schwede. Beim medizinethischen Rat Schwedens will man sich nicht zu Einzelfällen wie Fritzes äußern. Grundsätzlich, so räumte das Gremium aber ein, hätten sich die Ärzte anscheinend nicht an »gängige Routinen« gehalten. »Man darf nicht nach Organspenden fragen, bis der Patient hirntot ist«, stellte Ratsvorsitzender Kjell Asplund im »Svenska Dagbladet« fest. Fritze aber war nicht hirntot. Einige Tage später ließen die Lähmungen nach, er konnte sich wieder verständigen. Heute ist er stark körperlich behindert und wird rund um die Uhr von Pflegekräften betreut. Aber er lebt. Und darüber ist er froh.

In Schweden kommen jährlich 15,5 Organspender auf eine Million Einwohner. In Norwegen sind es 24,5. Am besten schneidet Spanien ab mit 35,3 Prozent laut zusammenfassender Statistik des schwedischen Organspendeverbands. In Deutschland waren es vergangenes Jahr 10,9 Spender auf eine Million Einwohner, so die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO).

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