Suche nach urbaner Gerechtigkeit

World Urban Forum in Medellín diskutierte Herausforderungen in der Stadtentwicklung

  • David Graaff, Medellín
  • Lesedauer: 4 Min.
Beim World Urban Forum in der kolumbianischen Stadt Medellin wurde über Stadtentwicklung weltweit diskutiert. Soziale Organisationen stellten dabei das Vorzeigeimage der Gastgeberstadt Medellín infrage.

Joan Clos ist besorgt. Schätzungsweise 3,5 Milliarden Menschen leben derzeit weltweit in Städten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Und täglich werden es mehr. Bis 2050 sollen es laut der UNO mindestens doppelt so viele Stadtbewohner sein, rund 80 Prozent der dann wohl 9,2 Milliarden Menschen. »Ein nie zuvor dagewesenes Wachstum«, sagt der Generaldirektor des Siedlungsprogramms der Vereinten Nationen, kurz UN-Habitat, in einem Gespräch mit Journalisten. »Wir müssen daran arbeiten, dass das Leben in den Städten nicht zu einem Martyrium wird«, betont Clos und kritisiert die zunehmende räumliche Trennung von Arm und Reich. Besonders in den Entwicklungsländern drängen immer mehr Menschen in die Städte. Die Slums wachsen, die Einkommensunterschiede steigen. »Urbane Gerechtigkeit« ist deshalb das zentrale Thema in Medellín.

Aber wie die Städte der Welt sozial gerecht organisieren? Darüber diskutieren bei dem alle zwei Jahre von der UNO veranstaltetem »World Urban Forum« (WUF) Lokalpolitiker und Entwicklungshilfeorganisationen, Firmen der Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen. Das siebte WUF wirkte teilweise wie eine große Messe für Stadtentwicklung. Städte, Länder und Regierungen aus der ganzen Welt, aber auch zahlreiche Firmen der Privatwirtschaft präsentieren an den Ständen ihre Konzepte für ein besseres Leben in den Metropolen. Ob Städte wie Buenos Aires, Länder wie Kenia oder Organisationen wie die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): Hunderte Aussteller zogen bei dem einwöchigen Forum mehr als 20 000 Besucher an. Die Tourismusbehörde der Stadt meldete fast 100-prozentige Auslastung der örtlichen Hotels.

Es ging um urbanen Gartenbau, die Gestaltung von Flächen zur Naherholung, die Herausforderungen des Klimawandels oder innovative Abfallentsorgung. Die GIZ warb mit dem aus Deutschland stammenden Konzept der Städte- und Gemeindepartnerschaften, um Metropolen in anderen Ländern finanziell und mit Know-how unter die Arme zu greifen. Kooperatives Lernen, gegenseitige Ideen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen, das ist es, was das WUF ausmache, sagen erfahrene Teilnehmer. »Ein großes Treffen und Grüßen mit wenig konkreten Resultaten«, sagen Kritiker hinter vorgehaltener Hand.

In den zahlreichen Meetings, die teilweise hinter verschlossenen Türen stattfinden, lässt die UN zudem über die zukünftige Entwicklungspolitik diskutieren. Die 2000 beschlossenen Millenniums-Entwicklungsziele laufen 2015 aus und sollen durch »Nachhaltige Entwicklungsziele« ersetzt werden.

Als Paradebeispiel für gelungene Stadtentwicklung gilt der UNO die Gastgeberstadt Medellín. Das WUF ist gewissermaßen die Krönungsmesse der zweitwichtigsten Stadt Kolumbiens, die Anfang der 90er Jahre noch als Weltkapitale des Kokainhandels als gefährlichster Ort auf Erden galt. Für die WUF hat sich die stolze Stadt herausgeputzt. Hunderte Graffiti wurden entfernt, die Häuser an repräsentativen Orten aufgewertet. In einem Viertel nahe der Messe, in der das WUF stattfand, wurden die Obdachlosen nachts grundlos eingesperrt, berichteten lokale Medien.

Seit der Jahrtausendwende schwangen in Medellín parteiunabhängige Pragmatiker das Zepter. Da die kommunale Ebene in Kolumbien weitreichende Befugnisse hat, war es den Bürgermeistern möglich, die 2,5 Millionen Einwohner große Metropole von Grund auf umzukrempeln. Aus einer Stadt mit schwächelnder Industrie wurde ein boomender Dienstleistungsstandort und Touristenmagnet. Doch diese wirtschaftliche Umstrukturierung, so sagt Hector Lugo von der Medellíner Nichtregierungsorganisation Penca de Sábila gegenüber »nd« am Rande des von sozialen Organisationen und Stadtteilinitiativen parallel veranstalteten Alternativforums, habe zu einem Anstieg der informellen und prekären Beschäftigungsverhältnisse geführt. »Die Investitionen der Stadt entsprechen nicht den Bedürfnissen der Menschen, die in den peripheren Stadtteilen leben«, sagt Lugo.

In den vergangenen Jahren haben die Stadt und teilprivatisierte städtische Unternehmen massiv in Infrastrukturprojekte wie die weltweit bekannten Seilbahnen investiert, mit denen die Bewohner der Armenviertel an den Berghängen an die Metro angeschlossen wurden. Zwei weitere sind derzeit im Bau.

Zugleich stiegen die Ausgaben für Bildung, in den Armenvierteln entstanden große Bibliotheken. Die Mordrate, bis heute wichtigster Gradmesser für die Befindlichkeit Medellíns, sank seit Anfang des Jahrtausends auf ein Langzeittief. Das eine habe aber mit dem anderen nur indirekt zu tun, erklärt Fernando Quijano, Leiter der Nichtregierungsorganisation »Corpades« und einer der besten Kenner der Medellíner Unterweltstruktur im Gespräch mit dem »nd«. »Der Stadtverwaltung kam zu Gute, dass die Struktur der Mafia im gleichen Zeitraum relativ stabil war und es daher weniger Tote gab.« Er zweifelt an dem stolz zur Schau getragenen Image der »innovativsten Stadt der Welt«, ein Prädikat das Medellín vergangenes Jahr von der Citi Group und dem »Wall Street Journal« verliehen bekam, nachdem lokale Medien wochenlang dazu aufgerufen hatten, im Netz abzustimmen. Das Paradoxe sei, dass die Städte in Kolumbien laut einem Bericht der UNO innerhalb Lateinamerikas an der Spitze der Ungleichheit stehen, so Quijano. Landesweiter Spitzenreiter: Medellín.

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