Der Dichter und die Damen

Im Kino: In »The Invisible Woman« inszeniert Ralph Fiennes sich selbst als Charles Dickens

Als Charles Dickens Nelly Ternan im Sommer 1857 kennenlernte, war er auf der Höhe seines literarischen Ruhms und mit 45 Jahren der bekannteste Schriftsteller der englischsprachigen Welt: ein britisches Kulturgut, Autor vielgelesener Romane und Herausgeber einer eigenen Wochenzeitschrift, ein einstiger Kinderarbeiter, der sich Ruhm und Vermögen erarbeitet hatte, ein literarischer Streiter für die Rechte der Armen und Entrechteten und ein unermüdlicher Spendensammler für wohltätige Stiftungen von der Armenklinik bis zum Heim für gefallene Mädchen.

Nelly, mit vollem Namen Ellen Lawless Ternan, war mit achtzehn Jahren die jüngste von drei unverheirateten Töchtern eines Schauspielerpaares. Ihr Vater war im Irrenhaus den Spätfolgen seiner Syphilis erlegen, ihre Mutter versuchte mit eiserner Disziplin und einigem Erfolg, den bürgerlichen guten Ruf der Familie aufrechtzuerhalten, obwohl das Geld knapp war und alle vier Ternans als Schauspielerinnen auf der Bühne standen - einem der wenigen Berufe, in denen Frauen ohne männliche Aufsicht Geld verdienen konnten, aber auch ein Beruf, der in der öffentlichen Wahrnehmung nur einen kurzen Schritt von sexueller Libertinage und der Gosse entfernt lag.

Dickens, der Schauspieler werden wollte, bevor er als Schriftsteller raschen Erfolg fand, hatte die Ternans engagiert, um ihm auf der Bühne auszuhelfen. Die halböffentliche Londoner Amateur-Aufführung eines heroischen Melodrams seines Autorenfreundes Wilkie Collins (neben den geladenen Freunden waren in London auch die Presse und die Queen zugegen) war auf Provinz-Tournee geladen. Den Dickens-Töchtern, die im kleineren Londoner Rahmen noch selbst mit Collins und ihrem Vater auf der Bühne gestanden hatten, war der größere Rahmen der Aufführungen in Manchester weder stimmlich noch gesellschaftlich zuzumuten. Profis mussten her, und das waren die Ternans. Nelly, nach zeitgenössischen Indizien wohl die geringstbegabte der drei Ternan-Töchter, war trotzdem die, an der das Auge des Dichters hängen blieb.

Der war als literarischer Sozialreformer bekannt - und als Verfechter eines liebevollen Heims als Hort aller Stabilität in einer Gesellschaft, deren Prüderie und Moralbigotterie sprichwörtlich sind. Sein Ruf, sein Einkommen, seine Fähigkeit, sich selbst, seine Frau, die Schwägerin, die ihm den Haushalt führte, seine verwitwete Mutter, zwei haltlose Brüder samt deren Familien und die neun überlebenden seiner zehn Kinder zu ernähren, hingen davon ab, dass sich an dieser öffentlichen Wahrnehmung nichts änderte. Für Nelly und ihre Schwestern hätte eine Liaison mit dem merklich interessierten Dichterfürsten den Verlust jeder Chance bedeuten können, sich durch Heirat einen sicheren sozialen Stand zu verschaffen. Andererseits war Dickens vermögend und die Karrieren der Ternans gerade auf einem Tiefpunkt.

»The Invisible Woman«, der Film, den der britische Film- und Bühnenstar Ralph Fiennes (nach einem Drehbuch von Abi Morgan) über Dickens, Nelly und die Folgen drehte, beruht auf der gleichnamigen Ternan-Biografie der führenden britischen Literaten-Biografin Claire Tomalin (die jüngst noch eine ausführliche Dickens-Biografie hinterherschickte). Er ist historisch korrekt, aber alles andere als steif. Er erzählt eine Geschichte, die mit ausgehaltenen Frauen, verbotenem Sex und der heimlichen Geburt illegitimer Kinder zu tun hat, ist aber alles andere als lüstern. Man könnte ihn ein Kammerspiel nennen, wären da nicht die Massenszenen mit Dickens als Vorleser seiner eigens dafür dramatisierten Werke und die zeitlich versetzte Rahmenhandlung aus Nellys späterem Leben, die die Affäre im Rückblick in die Mitte nimmt. Ein intimes Gewissensdrama ist er wohl am ehesten, eng verwoben mit dem breiteren Kontext eines Sozialdramas vor viktorianischem Hintergrund, ein Doppelporträt des Dichters als alterndem Liebenden und seiner jungen Auserwählten.

Fiennes gibt einen prächtigen Dickens ab (auch wenn er jünger wirkt als der Dichter, der in den letzten dreizehn Jahren seines Lebens sehr schnell alterte), Felicity Jones eine bildhübsche Nelly, die ihre ambivalenten Gefühle dem neuen Mann in ihrem Leben gegenüber anspielt, ohne sie je offen ausspielen zu können. Tom Hollander darf als Wilkie Collins seine unkonventionelle (aber weder durch eine eigene Ehe noch Fragen des guten Rufs getrübte) familiäre Situation samt unvermählter Lebensgefährtin und unehelicher Tochter vorführen (in Wahrheit gab es von beiden mehrere). Kristin Scott Thomas brilliert als Mutter Ternan, die, zwischen finanziellem Pragmatismus und der gebotenen Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen hin- und hergerissen, mit einem Auge hin- und einem Auge wegsieht, wenn der Dichter ihre Jüngste umgarnt.

Am nachdrücklichsten in Erinnerung aber bleibt vielleicht Joanna Scanlan als Dickens-Gattin Catherine. Die Szene, in der der Dichter, bisher noch unerwidert von der unerreichbaren jungen Schönen träumend, beim nackten Anblick seiner eigenen, über vielen Geburten in die Jahre gekommenen Frau wortlos die Verbindungstür zwischen den Schlafzimmern schließt (und sie später auch noch zunageln lässt), ist von einer Brutalität, die nur von der Szene überboten wird, in der eine vergeblich um Fassung ringende Catherine aus der Zeitung erfahren muss, dass sich ihr Gatte in einem unerhörten Akt unmoralischer Selbstbefreiung nun auch ganz öffentlich (und mit verleumderischen Untertönen) von ihr lossagte.

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