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Schlachtreifes Systemschwein

HGich T. zelebrieren Kunstschund und Kritik

Von Marlene Göring

Die Bühne im Bi Nuu hat sich am Samstag in den Alptraum einer Spinne auf Acid verwandelt. Fäden ziehen sich strahlenförmig Richtung Konzertsaal, Fetzen flattern in der Windmaschine. Alles leuchtet blau, pink und grün im Schwarzlicht.

HGich T. spaltet die Zuhörer - in solche, für die das Goa-Dada-Kollektiv Kunst ist, und die, die den Nonsens nicht ertragen können. Was in den vielen Onlineclips der Gruppe für wenige Minuten witzig ist, wird abendfüllend zum gagaistischen Höllenritt. Das Publikum im Bi Nuu: Transen und Proleten, Hippies und Fleischtunnelträger. Grölend rufen Junggesellenverabschieder Unverständliches, mit geistreichem Grinsen warten Kunststudenten darauf, an die Grenzen ihres Verstandes gebracht zu werden. Über eine Stunde lang brüllt aber nur ein Mann allein Satzfetzen von der Bühne, mit nichts bekleidet als Windel und Leuchtkrawatte.

Dann kommen die schöne Maike, Tutenchamun, Natuscha, Dr. Diamond und 12Fingermann dazu - nur einige des insgesamt etwa 20-köpfigen Kollektivs. Anna-Maria Kaiser, Frontmann von HGich T., soll sie schon 1996 aus dem Umfeld der Hamburger Kunsthochschule zusammengebracht haben - Gründungsmythos der Band, die sich frei an Bauarbeiterwesten und anderen Insignien des Techno-Trash der 1990er Jahre bedient. Aber erst 2009 wurden die You-Tube-Videos »Hauptschule« und »Goa, Goa, MPU« publik und nicht nur bei drogendurchweichten Afterhours beliebt: Auch Arte und Deutschlandfunk machten sich Gedanken, ob das Gesamtkonzept aus Clips, grenzdebilen Charakteren, Goa-Bässen und nackt-feuchten Liveauftritten nun Kunst ist oder Schund.

Der medienscheue Anna-Maria Kaiser schreit Wirres und Wahres zu Goa-Klängen. Er geht mitten durchs Publikum, ein Amok laufender Provinzbeamter, das Hemd säuberlich in der Hose. Mit starren Augen hinter Brillenglas schaut er durch die hindurch, die ihm mit der Handykamera ins Gesicht blitzen, den Arm um ihn legen und Bierflaschen in die Hand drücken - die Kaiser austrinkt oder einfach fallen lässt. Auf dem Boden mischt sich Dreck, Alkohol und Neonfarbe, mit der sich die Gäste gegenseitig bemalt haben. Auf dieser teuflischen Mischung macht die schöne Maike Akrobatik. Daneben schreit Kaiser: »Ich will doch nur verstehen, wissen, was keiner wissen kann!« und »Das System ist das Problem, ja!«

»Wofür man auf der Straße eingesperrt würde, dafür kriegen wir auf der Bühne ein Lächeln«, sagt nach dem Konzert Dr. Diamond. Absurdes, asoziales Verhalten, Nichtfunktionieren als Absage an die Leistungsgesellschaft - so führt HGich T. das Systemschwein zur Schlachtbank. Was sich in der Performance hinter Dada und Trash-Symbolen verbirgt, wird im Gespräch mit dem Kollektiv plötzlich konkret: »Das System ist CDU, SPD und FDP!«, platzt es aus der schönen Maike heraus. »Die, die versuchen uns zu regieren; uns sagen, was richtig ist«, fällt Natuscha ein. »Die aufgedrückte Idee des weißen Mannes, dass dumm in Ordnung ist«, ergänzt Tutenchamun. Ob man aus dem System herauskommen kann? »Ja!« - »Nein!« HGich T. sind nicht sicher.

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