»Es gibt kaum noch Menschen mit Haltung«

Die Berlin Music Week wird politisch

Dass es bei der Berlin Music Week nicht nur um die neuesten Trends der Branche, Nachwuchs-Künstler und Buisness-Talks geht, beweist die Diskussion »Pop+Politik= Haltung?« auf der »WORD!«-Konferenz.

Gibt es noch Musiker, die für das einstehen, was sie sagen? Gibt es in dieser Welt noch Haltung? Diese Fragen diskutierten am Freitagnachmittag im Postbahnhof die Rapperin Sookee aus Berlin, die über Gewalt, Macht und Feminismus rappt, der Folk- und Rockmusiker Stefan Stoppok, Head of Content Distribution beim Social Media TV-Sender »joiz« und der 1-Mann-Label-Chef (Sounds of Subterrania) Gregor Samsa.

»Es gibt kaum noch Menschen mit Haltung«, davon ist Gregor Samsa, Chef seines 1-Mann-Labels »Sounds of Subterrania« überzeugt. Gerade im popkulturellen Kontext, so Samsa, haben viele nur noch eine Meinung – Haltung, so ist er überzeugt, hat kaum noch jemand. Was bedeutet eigentlich Haltung, will die Moderatorin Milena Fessmann, selbst Djane und Radiomoderatorin, von den Gästen auf dem Podium wissen. Folgt man der soziologischen Definition von Haltung, hängt diese mit Erwartung zusammen. Nicht umsonst wird der Begriff »Erwartungshaltung« landläufig gebraucht. Diese Erklärung taugt zum besseren Verständnis nicht, da sie als Pleonasmus, eine rhetorische Figur, die einen Wortreichtum ohne Informationsgewinn beschreibt, nicht weiter Aufschluss über den Inhalt des Begriffs gibt. Haltung steht für eine zielgerichtete Grundhaltung eines Menschen, sagt Wikipedia zur Definitionsfrage.

»Ich unterscheide vielmehr zwischen Dogmen und Prinzipien«, sagt die Rapperin Sookee, die seit zwölf Jahren auf dem Independent-Label »Springstoff« aktiv ist. Dogmen findet sie anstrengend und aufreibend. Prinzipien vielmehr hält sie für wichtig, wenn auch sie diese als flexible Begriffe definiert, die an den jeweiligen Kontext der Situation angepasst werden können. Wo gibt es heute überhaupt noch Politik in der Popkultur? Sookee, schwarzes kurzes Haar, Tattoos, ist sich sicher, dass der Politikbegriff auch in die kulturellen Sphären hineinreicht.

Wie war das nur alles schön früher, als Künstler noch Haltung hatten. Wo sind sie hin, die großen Bands der 70er mit Haltung, philosophiert Gregor Samsa. »Wir leben in einer komplett unpolitischen Zeit«, so Samsa. »So viele Menschen auf dieser Welt leiden und wir leben hier in einer Wohlfühlgesellschaft in der es keine Solidarisierung mehr gibt«, so Samsa weiter.

»Musik so zu produzieren wie man Lust darauf hat, nicht, wie sie in die Zeit passt«, auch das ist Haltung, meint Stopkok. Auch Sookee betont, dass sie keine Lust hat, sich vorschreiben zu lassen, worüber sie rappt, welche Musik sie macht, wie sie aussehen soll. Stopkok unterstreicht und meint: »Nur die Hohlen gehen noch zu einem Major-Label und unterschreiben dort einen Vertrag.«

Dass es keinerlei Solidarisierung mit Themen und nur noch völlig unpolitische Menschen gebe, das will Sookee so nicht stehen lassen. Sie ist vielmehr davon überzeugt, dass sich die Komplexität der Themen in der globalisierten Welt gewandelt und sich verteilt haben und somit die Bewegungspolitik nicht mehr so massiv wirkt, wie vielleicht in den 70ern und 80ern. Als Beispiel führt sie an, dass es eben nun nicht mehr nur eine große Demo alle paar Monate mal gibt, sondern, allein in Berlin, gefühlte vier am Tag. Sookee meint, dass auch die Ausdifferenzierung der Medien dazu beigetragen hat, dieses Bild zu verfestigen. Aber die Rapperin hat keine Lust auf Kulturpessimismus.

»Klar könnte ich Stunden damit zubringen Trailerpark scheiße zu finden, ich kann aber auch meine Zeit dazu nutzen, unbekannte Künstler zu pushen und zu unterstützen«, so Sookee. Warum ist es so, dass Politik in unserem musikalischen Zeitgeist nicht mehr stattfindet, will ein Besucher aus dem Publikum vom Podium wissen? »Der Krieg ist noch nicht angekommen hier auf der Welt, es geht uns einfach noch zu gut«, so Samsa. Sookee hat auch schon eine Lösung für dieses Problem parat. »Wenn wir unsere kleinen Menschen schon jahrelang in die Schule schicken, um sie auf die kapitalistische Verwertungsgesellschaft vorzubereiten, sollten wir dort beginnen die Politisierung der Gesellschaft auf den Weg zu bringen. Die beginnt mit Bildung. Dann schaffen wir es auch raus aus der Bequemlichkeit.«

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