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Der teure Irrsinn geht weiter

Acht Monate nach Olympia ist hinter der Formel-1-Fassade von Sotschi nur noch gähnende Leere zu sehen

  • Von Thomas Wolfer, Sotschi
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Formel 1 tut der Region um Sotschi zwar wirtschaftlich gut. Knapp acht Monate nach den Olympischen Winterspielen herrscht in der Bergregion Krasnaja Poljana jedoch gähnende Leere.

Lewis Hamilton hatte sich seinen ersten Besuch in Sotschi ganz anders vorgestellt. »Russland steht für mich für Wodka, kaltes Wetter und schöne Frauen. So kenne ich es aus den Filmen«, sagte der britische Formel-1-Pilot lächelnd: »Ich wusste gar nicht, dass es hier auch Berge gibt.« Hätte der WM-Führende die Olympischen Winterspiele im Frühjahr genauer verfolgt, wüsste er das vermutlich besser. Doch genau wie der Engländer kommen viele Motorsportfans in diesen Tagen das erste Mal mit Sotschi in Kontakt. In den knapp acht Monaten seit Olympia hat sich dort durchaus einiges verändert - nicht nur in positiver Hinsicht.

Das Feuer inmitten des olympischen Parks unmittelbar an der Küste ist längst erloschen, um den zentralen Platz vor dem Olympiastadion jagen am Sonntag Hamilton und Co. nach WM-Punkten. Von weiten Teilen der Strecke war im Februar noch nichts zu erahnen, sie wurde in Rekordzeit errichtet. Sehr zur Freude der Piloten. »Ich bin begeistert von allem«, meinte Hamilton: »Die Infrastruktur ist hervorragend.«

Doch ein Blick hinter die Fassaden zeigt genau die Probleme, die schon vor den Winterspielen vermutet worden waren. In der Bergregion Krasnaja Poljana herrscht gespenstische Leere. Schilder weisen noch auf die olympischen Wettkampfstätten hin, ansonsten ist kaum jemand auf den Straßen zu sehen. Die gigantischen Hotelkomplexe werden offensichtlich wenig genutzt, die öffentlichen Plätze sind verwaist. Vom erhofften Wander- und Mountainbiketourismus ist noch nichts erkennbar.

Hier und da sind noch die olympischen Ringe zu sehen, die Maskottchen grüßen am Flughafen, und die alten Werbebanner finden sich überall in und um Sotschi wieder. Dafür bleiben die Lifte ebenso ungenutzt wie die meisten Sportanlagen oder das olympische Bergdorf. Dort hängen sogar noch die Nationalflaggen an den Balkonen, die die Bewohner im Winter angebracht hatten. Es wirkt, als wären die Letzten erst gestern ausgezogen. An der Nachhaltigkeit darf spätestens jetzt gezweifelt werden.

Während auf der Bob- und Rodelbahn Sanki im kommenden Jahr eine EM stattfinden wird, bleibt unklar, was mit anderen Wettkampfstätten passiert. Im großspurig errichteten Biathlon-Zentrum Laura macht der Weltcup beispielsweise in den nächsten Jahren nicht Station, gleiches gilt für die Skisprunganlage, auf der die Deutschen Teamgold geholt hatten. Im Russki-Gorki-Center sollte eigentlich der russische Nachwuchs an die Weltspitze geführt werden. Mehr als ein Plan ist das bisher nicht.

55 000 Fans werden am Sonntag zum - so die Veranstalter - ausverkauften Rennen erwartet. Am Donnerstag wurde der Motorsport-Enthusiasmus der Russen schon deutlich, als Tausende die Strecke bevölkerten und ihren Helden zujubelten. Der PS-Zirkus findet in Sotschi viele Anhänger.

Die Formel 1, die auch 2015 Station in Sotschi machen wird, soll mit Glamour die Stadt ein wenig beleben. Doch die Bergregion bleibt das große Sorgenkind. Außerdem kommen zur Formel 1 nur geschätzte zehn Prozent der Besucher aus dem Ausland. Dass dies etwas mit den politischen Unruhen und dem nahen Ukraine-Konflikt zu tun haben könnte, streiten die Veranstalter ab, das Kernproblem ist ohnehin ein ganz anderes. Mit einem einzigen Rennwochenende kann der Unterhalt für die teuren Anlagen nicht annähernd bestritten werden, und das nächste Mega-Event findet erst 2018 statt, wenn Sotschi einer der Austragungsorte der Fußball-WM sein wird.

Deswegen laufen nun Bestrebungen, den Kurs ganzjährig zu betreiben, Verhandlungen zur Austragung anderer Rennserien laufen. »Das Ziel besteht darin, fünf oder sechs Großveranstaltungen pro Jahr zu haben«, sagt Berater Richard Cregan. Der knapp sechs Kilometer lange Kurs hat immerhin geschätzte 260 Millionen Euro gekostet, veranschlagt waren einst 142 Millionen. Damit reiht sich das Projekt nahtlos in den finanziellen Irrsinn der Winterspiele ein. Diese hatten insgesamt 50 Milliarden Euro verschlungen und waren damit die mit weitem Abstand teuersten, die es je gab. SID/nd

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