Schnittchen!

Preis für Ernst Kahl

Weil in seinen komischen Bildern stets die Bosheit oder das Böse schlechthin irgendwo lauert und das nackte Grauen der menschlichen Existenz aufscheint, werden sie von nur wenigen Zeitungen und Zeitschriften gedruckt. Denn sein Humor ist nie versöhnlich, volkstümlich, matt oder platt. Auch weil seine Gemälde und Zeichnungen, von denen viele für die Zeitschriften »Konkret« und »Titanic« entstanden sind, immer wieder den Tod, das Hässliche, diverse umstrittene Spielarten der Sexualität und die allgemeine menschliche Niedertracht zum Thema haben.

Die »Frankfurter Rundschau« nannte den Mann kürzlich ein »Universalgenie«. In einer anderen Lobrede auf ihn hieß es einmal, er sei ein »Feingeist der Hochkomik« und »Beherrscher der Abgründe«. Die Rede ist hier von dem 1949 in Kiel geborenen, überwiegend als Maler und Zeichner tätigen, aber seit vielen Jahren auch auf anderen künstlerischen Gebieten wirkenden Ernst Kahl. So wurde er etwa 1993 für das Drehbuch zu Detlev Bucks Filmkomödie »Wir können auch anders« mit dem Bundesfilmpreis geehrt.

Nun wurde entschieden: Kahl soll den mit 5000 Euro dotierten Sondermann-Preis für komische Kunst erhalten, der Jahr für Jahr vom Sondermann-Verein vergeben wird, dem »Verein zur Förderung, Erforschung und Verbreitung der Komischen Kunst und Literatur«, dem auch der »nd«-Kolumnist Leo Fischer angehört. »Göttergleich« nennt Fischer den Künstler. Bei der bevorstehenden öffentlichen Verleihung des Preises an Kahl werde es »auch um dessen prophetische Gaben gehen«, kündigt Fischer an. »Immerhin hat er Schumis Unfall vorhergesehen.«

Der populäre Kabarettist Georg Schramm hatte ursprünglich zugesagt, bei der Verleihungszeremonie die Laudatio auf den zu Ehrenden zu halten. Weil Schramm nun aber wegen eines Krankheitsfalls in der Familie sein Erscheinen absagen musste und obendrein Ernst Kahl selbst plötzlich erkrankt ist, scheint sich die geplante öffentliche Zeremonie erfreulicherweise in eine Richtung zu entwickeln, die Kahl selbst eigentlich gefallen müsste: Ratlose Menschen stehen vor leeren Zuschauerreihen auf einer Bühne, um einem nicht anwesenden Künstler einen Preis zu überreichen, nachdem niemand eine Ansprache gehalten hat. Toll!

Die Preisverleihung findet aber trotzdem statt bzw. jetzt erst recht, selbst wenn gar niemand erscheint. Und zwar am 11.11., allerdings nicht um 11.11 Uhr, sondern um 20 Uhr abends, in Frankfurt am Main im Mousonturm. Anstelle des nicht verfügbaren Georg Schramm wird nun Jan Weiler, Schriftsteller, Kolumnist und ehemaliger Chefredakteur des »SZ-Magazins«, den man kurzfristig herbeigeschafft hat, als Laudator fungieren. »Schnittchen« soll es an dem Abend angeblich auch geben. Jedenfalls hat Leo Fischer das vollmundig versprochen. Diese können Sie dann gemeinsam mit Herrn Fischer und Herrn Weiler verzehren, wenn sonst niemand auftauchen sollte.

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