Szenen aus der Schwarzweltklinik

»4.48 Psychose« von Sarah Kane am Anhaltischen Theater Dessau

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Um schnelle Antwort wird gebeten! Mit diesem Satz kriecht das Mädchen auf dich zu. Lauernd wie ein Tiger, auf allen Vieren. Das Gesicht raubtierhaft geballt. Gib Antwort! Jetzt ein Flehen, dann ein Schrei, dann wieder ein Fauchen - nur immer aus den Worten dieses einen Satzes: Um schnelle Antwort wird gebeten! So wie sie da rennen, hasten, kriechen wir durch die Welt: auf der Suche nach jemandem, der Antwort gibt. Aber so viel Schweigen, so viel ausweichende Blicke - Leben gibt keine Antwort, Leben redet aus oder redet ein oder redet an allem vorbei. Oder redet herbei, was gar nicht da ist. Das Mädchen kriecht weg, kriecht weiter, und da, da kriecht noch ein Mädchen, und dort noch ein junger Mann. Sie kriechen, sie rennen, sie kauern, sie fügen sich zur Gruppe, sie stürzen, sie stehen starr. Und das alles in einem kleinen, nahezu bedrängenden Raum; wir Zuschauer sitzen auf Bänken, die sind mit dunkler glänzender Folie überzogen, und anfangs waren die drei Spielenden unter diesen Publikumsbänken hervorgekrochen: Wie zu uns Gehörige, aus uns Kommende, uns Entkommene - nun: uns Entgegenkommende, uns Entgegenkriechende, uns Entgegenschreiende.

Am Alten Theater des Anhaltischen Theaters Dessau inszenierte Nicole Schneiderbauer »4.48 Psychose« von Sarah Kane. Erinnerung der Autorin an jene Uhrzeit, zu der ihr, in depressiver Schraubzwinge, regelmäßig die klaren Gedanken kamen. Die Gedanken, dass es vielleicht Erlösung gäbe. Sie ist nicht aus der Welt zu jagen, diese Idee der Erlösung. Es macht nichts, dass diese Idee immer nur wieder eine Lüge ist - Hauptsache, es gibt etwas Ablenkung von der bitteren Wahrheit: dass der Mensch unablässig an einer Weltgeschichte der Verzweiflung schreibt. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht vom »realen Schmerzarchiv« der Existenzen. Wo dieses Archiv überquillt an Material, da fleht der Mensch nach besagter Erlösung, und anbietet sich: der Tod. Nicht als Blitzschlag, sondern als jener Meisterdramaturg, der erste Ahnungen ausstreut, als seien sie nur Gerüchte, der dann raffiniert gesteigerte Schmerzschübe anrollen lässt, Dunkelwellen der Depression.

Sarah Kane, 1971 geboren, erhängte sich 28-jährig in einer psychiatrischen Klinik Londons. Die Theaterstücke dieser unglücklichen jungen Frau entstanden an der Schwelle zum Tod, sie kamen auch über deutsche Bühnen, wie ein schwallartig herausgebluteter Sinnsturz. Eine Krankheit als Ideengeber. Unerträglich, schockierend, ein Schrei der Entwurzelung. Abgehackte Gliedmaßen, Verwirrtheit der Geschlechter, geöffnete Schädel, Zungen wie herumfliegende Lappen. Das Drama des unkontrollierten, verflucht ehrlichen Unterbewusstseins.

»4.48 Psychose«. Ein Patientenmonolog. Und Gespräche zwischen Arzt und Patient. Hier sind die Texte aufgelöst, die Spieler in hautfarbenem, hautengem Stoff, das eine Mädchen im Nacht- oder Büßerhemd. Wie Trainierende. Der Sport heißt: überleben oder: wie den Überlebenswillen abschütteln, diesen Verfolger. Also: schneller sein mit Strick und Tabletten und Messer am Puls. Szenen aus der Schwarzweltklinik. Jenny Langner, Katja Sieder und Patrick Rupar bilden wahrlich bedrängend eine rasante Choreografie der Dreieinigkeit aus klinischem Fall, klarsichtigem Weltschmerz und instinktiver Rebellion gegen alles und nichts.

Offenbart wird im Wühlen gegeneinander, im Fühlen füreinander, in den Umschlingungen und Abstoßungen: Jedes dieser Wesen, die doch eins sind, ist ein zerstörter Hymnus der Liebe, aber auf Liebe hofft der Mensch bis zuletzt (und sei es die Liebe zur Auslöschung) - als könnte man mit diesem einen Wort doch noch das einengende Weltall sprengen. »Schneidet mir die Zunge ab, reißt mir die Haare raus, hackt mir die Glieder ab, nur meine Liebe, die lasst mir.« Diese Liebe wird hier gerufen, geschrien, geseufzt, freilich aus einem Gedächtnis heraus, das letztlich doch nur die zusammengebrochenen Horizonte häuft.

Die drei kriechen in durchsichtige Folien wie in letztmögliche Höhlen, laut prustendes, irres Lachen beim letzten Welt- und Ich-Gericht vorm Strick. »Ich hab die Juden vergast, die Kurden gekillt, ich hab die Araber bombardiert, ich habe kleine Kinder gefickt.« Suizidale Vorfeldforschung. Requiem. Zuckungen, verursacht von Demütigungen und seelischer Eskalation.

Theater als konsequenter Versuch, mit Körpern in Texte zu springen. Darin zu werden und zu vergehen. Die Folienbezüge schaffen Bezüge zur Intensivstation, auch wir Zuschauer tragen Folie über den Schuhen. Ein feinfühliges, überzeugendes Spiel-Trio, das sich fünfundsiebzig Minuten gleichsam in einen Satz hineinspielt: Nur ein zerrissenes Herz hat Öffnungen zur Wahrheit. Bricht daran entzwei. Und Sterbehilfe übrigens setzt weit vor akuten Entscheidungspunkten an, dort nämlich schon, wo man sie noch unbekümmert, selbstbetrügerisch, also fälschlicherweise - Leben nennt.

Nächste Vorstellungen: 22.11., 5.12.

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