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Die Linke und der Sport

Gabriel Kuhn über ein schwieriges Verhältnis und Initiativen im Fußball, die mehr bringen als politische Kampagnen

Der 1972 in Innsbruck geborene Gabriel Kuhn ist seit den späten 1980er Jahren in anarchistischen Zusammenhängen aktiv und lebt derzeit als Autor und Übersetzer in Stockholm. Über sein jüngste Buch »Die Linke und der Sport« (Unrast-Verlag) sprach für »nd« mit ihm Guido Speckmann.

nd: Herr Kuhn, Sie haben ein kleines Buch über »Die Linke und den Sport« geschrieben? Was war Ihre Motivation?
Kuhn: Ich bin seit 25 Jahren in der Linken engagiert und Sport ist meine große Leidenschaft. Insofern lag das auf der Hand, zumal sich in der transparent-Reihe des Unrast-Verlags die Möglichkeit bot, einen kleinen Einführungsband zu dem Thema vorzulegen.

Für viele Linke ist der Sport ein rotes Tuch. Wieso?
Die Gründe sind recht offensichtlich: der moderne Sportbetrieb ist hyperkommerzialisiert, wird nationalistisch ausgeschlachtet, fördert ein unappetitliches Leistungsprinzip und wirkt in vielerlei Hinsicht als Opium des Volkes. Selbst die Ideale des Amateursports sind nicht ohne Probleme: Normierte Körper werden dort ebenso gehypt wie antiquierte Werte von Ehre und Ritterlichkeit. Wenn ich also links bin und Sport nicht mag, ist es leicht, dies zu rationalisieren. Für Linke, die Sport mögen, stellt sich hingegen die Herausforderung, jene Aspekte des Sports zu betonen, die sich mit Werten wie sozialer Gerechtigkeit, Solidarität oder Internationalismus vereinbaren lassen.

Stichwort Nationalismus und Sport: ist diese Kombination nicht per se eine verheerende Verbindung?
Letzten Endes ist Nationalismus in Verbindung mit allem verheerend. Ob man sich nun trotzdem über die Erfolge kubanischer Boxer freut, hängt wohl davon ab, ob man in einer von Nationalstaaten geprägten Welt manchen Nationalismen eine emanzipatorische Bedeutung zuschreiben will oder nicht. Diese Debatte hat in der deutschen Linken zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, das muss hier nicht aufgewärmt werden. Schlussendlich gilt es natürlich, das Problem des Nationalismus zu lösen, dann ist er auch im Sport keiner mehr. Aber der Sport ist für den Nationalismus nicht verantwortlich.

Andere Linke loben den Sport als eine Auflehnung gegen kapitalistische Ausbeutung. Mit welchen Argumenten?
Am besten wurde das wohl in der klassischen Arbeitersportbewegung formuliert. Dort ging es darum, das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse zu stärken, und zwar mit Hilfe sportlicher Aktivitäten, bei denen die kollektive Ertüchtigung im Zentrum stand, nicht der individuelle Erfolg. Der Arbeitersport wandte sich entschieden gegen jede Form kommerzieller Verwertung. Wenn Vereine oder Veranstaltungen heute an diese Tradition anknüpfen, kann das wohl immer noch als Auflehnung gegenüber kapitalistischer Ausbeutung angesehen werden. Im Rahmen des kapitalistischen Systems ist das natürlich nicht leicht. Damit hatte der Arbeitersport schon in den 1920er Jahren zu kämpfen.

Sie sind der Ansicht, dass zwar viele Argumente der linken Sportkritiker berechtigt sind, aber weniger den Sport als die Gesellschaft treffen. Wie ist das zu verstehen?
Ich denke, die meisten Linken würden zugestehen, dass in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung alle Lebensbereiche kapitalistisch geprägt sind. Das gilt natürlich auch für den Sport. Aber genauso wie es neben der Hitparade ansprechende Musik und neben Hollywood ansprechende Filme geben kann, kann es neben den Olympischen Spielen von Sotschi ansprechende Sportveranstaltungen geben. Der Sport an sich ist nicht schlechter als die Kunst. Sport ist zunächst einfach nur die Kombination von Spiel und Bewegung. Wie sich diese Kombination gesellschaftlich ausdrückt, hängt von der Gesellschaft ab.

Sie zitieren in ihrem Buch den Politologen Tamir Bar-On. Dieser schrieb: »Die Mikrokämpfe im Bereich des Fußballs... erweisen sich oft als effektiver als universale Kämpfe im Namen vager Slogans wie Soziale Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte.« Das klingt übertrieben. Haben Sie dafür Beispiele?
Jetzt wäre es natürlich schön, wenn ich die Frage an Tamir Bar-On weiterreichen könnte. Aber gut, ich habe ihn zitiert, also versuche ich mich selbst an einer Erklärung. Ich verstehe das Zitat so, dass scheinbar unbedeutende politische Initiativen in der Welt des Fußballs - sagen wir, der Kampf für die Erhaltung von Stehplätzen - oft mehr gesellschaftliche Durchschlagskraft haben als pompöse politische Kampagnen, die zwar rhetorisch mustergültig sind, aber mit der Lebensrealität der meisten Menschen nichts zu tun haben. Für viele Menschen ist der Fußball neben der Familie und der Arbeit der wichtigste Aspekt des Alltagslebens, egal was wir jetzt davon halten mögen. Was in der Welt des Fußballs geschieht, betrifft diese Menschen unmittelbar, und es handelt sich hier nicht um eine abgeschottete Szene, sondern um einen gesellschaftlichen Raum, in dem alle möglichen Menschen zusammenkommen. Das eröffnet auch besondere politische Potenziale.

In welcher Form kann Sport zu einer befreiten Gesellschaft beitragen?
Unter den richtigen Bedingungen dient der Sport sozialem Lernen, Zusammenarbeit und Respekt. Diese Werte sind für eine befreite Gesellschaft - was auch immer wir genau darunter verstehen mögen - wesentlich. Zu den richtigen Bedingungen gehört es, das kollektive Erleben und die Freude an Spiel und Bewegung zu betonen, nicht Leistung und Rivalität.

Dieses Interview erscheint auf den Sportseiten einer sozialistischen Tageszeitung. Wodurch sollte sich Ihrer Meinung nach linker Sportjournalismus auszeichnen?
Brauchen Sie einen neuen Sportredakteur? Im Ernst: Es geht wohl um das richtige Gleichgewicht. Auch die sportinteressierten Leser einer sozialistischen Tageszeitung wollen wissen, was in der Bundesliga vor sich geht. Dazu dürfen sich jedoch gerne kritische Analysen und Berichte über alternative Sportprojekte gesellen. Letztlich ist es so wie überall: den Ist-Zustand zu verleugnen, nutzt niemandem, aber Perspektiven darüber hinaus offen zu halten, ist Aufgabe eines jeden sozialistischen Projekts.

Letzte Frage: Welchen Sport betreiben Sie?
Da kommt der Österreicher durch: der Skisport steht im Zentrum und im Sommer zählt vor allem der Fußball, wobei es für mich auch jede andere Ballsportart sein kann. Radfahren und Schwimmen dienen der Grundkondition.

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