Porträts des Leibes

Der Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Schriftsteller Wieland Förster wird 85

  • Klaus Hammer
  • Lesedauer: 4 Min.
Er sei Bildhauer geworden, weil er »an ganz bestimmten Grundverletzungen litt, mit denen ich sehr schwer fertig geworden bin … Es war der Versuch, aufzuarbeiten, was an Erschütterungen von der Zeit her in mich eingedrungen ist«.

Er sei Bildhauer geworden, weil er »an ganz bestimmten Grundverletzungen litt, mit denen ich sehr schwer fertig geworden bin … Es war der Versuch, aufzuarbeiten, was an Erschütterungen von der Zeit her in mich eingedrungen ist«. So entstanden seine Gemarterten und Verzweifelten, Hoffenden und Liebenden, Polarisierungen und Vermischungen des Humanen und Barbarischen, »Martyrium« und »Ecce homo«, »Arkadischer Akt« mit Beinen nach oben, »Großer schreitender« und »Großer trauernder Mann«, »Große Neeberger Figur« und »Penthesilea«-Gruppe, die Frau als Symbol des Naturhaft-Unzerstörbaren und der vom Leben gezeichnete, mit schlimmen Erfahrungen belastete Mann, plastische Körper-Einblicke und Torsi als eine Form der Konzentration auf das Wesentliche, als »Porträt des Leibes«. Seine Porträtplastiken - zuletzt die von Elfriede Jelinek und Jean Genet, aber auch des ermordeten jüdischen Arztes Dr. Benno Hallauer, die im Parlamentsgebäude gegenüber dem Berliner Reichstag steht - leben aus der Spannung zwischen abstrakter Form und der Individualität des Dargestellten.

Der am 12. Februar 1930 in Dresden geborene und seit den 1960er Jahren in Berlin und im Land Brandenburg ansässige Bildhauer Wieland Förster, der zugleich ein bedeutender Zeichner und sensibler Schriftsteller ist, hat Biographisches, das nur ihm Verfügbare, in die bildhauerische Metapher übertragen, die das Persönliche ins Allgemeingültige, das Empfinden und Erleben eines Einzelnen in die existenzielle Erfahrung vieler hebt.

Die »Passion« von 1966, ein aufgepfählter männlicher Körper in erbarmungslos lädierter Nacktheit. »Ecce homo« (1980), die Anthropomorphisierung einer versehrten und zerstörten Felsform, die zugleich von Beharrung und Widerstehen geprägt ist. »Erschossener« (1968), ein Klumpen Mensch vor der Erschießungsmauer. Aus einem Sandsteinfindling hat Förster 1974 einen »Männlichen Torso« gehauen: »Bin bei der Arbeit immer so erregt, als hinge von dieser Stunde meine ganze Existenz ab: die Folge Herzflattern und Armlähmung, so dass ich, wie heute, in Angst lebe; Herzinfarktangst - die Symptome sind alle beisammen«.

»Einblick IV« (1978) zeigt aufregende Verläufe, Hebungen und Senkungen, die Epidermis von einem Gespinst von Buckelungen und linearem Geäder überzogen: »Hier stirbt jede Macht, sie wird nicht bekämpft, nicht besiegt, sie erlischt.« In Paar-Kompositionen wird jener unerlöste Widerspruch von Leben und Tod, von Aggression und Erleiden, von Sinken und Trotzen auf zwei Figuren übertragen. Der Torso als Fragment trägt prozessualen Charakter, er bleibt als Form offen und sperrt sich nicht gegen Verbindungen, Verschmelzungen, Verknotungen, Überlagerungen. Der Körper wird zur zuckenden, auffahrenden Form, zur lodernden Landschaft, und diese wiederum zu organischem Leben mit allen Zeugungsmerkmalen erweckt.

Von tragischer Gespanntheit vermochte Förster in seinem Alterswerk zu einer fast arkadischen Gelassenheit zu gelangen, so wenn er der durch das Feuer gegangenen »Nike« von 1998 atmenden Rhythmus und tänzerische Beschwingtheit verleiht. Dieser Hoffnung auf Überleben, auf Überdauern steht dann wieder der durch die Überdrehung des Leibes an den Füßen wie aufgehängte, gehäutete »Marsyas - Jahrhundertbilanz« (1999) gegenüber. Und diese Polarität begleitete den Bildhauer weiter ins neue Säkulum als noch immer offene Frage nach der Würde und Selbstbestimmung des Menschen.

Nach der Einweihung der Uwe-Johnson-Porträtstele in Güstrow 2007 musste Förster krankheitsbedingt seine bildhauerische Tätigkeit beenden und widmete sich seitdem ganz dem Schreiben. Seinen Reisetagebüchern der 1970er und den Erzählungen der 1980er Jahre folgten ein Briefroman »Der Andere« (2009), ein Plädoyer für das Recht auf Individualität und Toleranz, und die Autobiografie seiner Jugend in Dresden »Seerosenteich« (2012). »So darf ich am Ende meiner Tage hoffen«, schrieb der nunmehr 85-jährige Wieland Förster damals, »Zeugnis für den Menschen abgelegt zu haben«.

Ein Hauptwerk Försters - und der figürlichen Bildhauerei nach 1945 überhaupt -, die »Große Neeberger Figur« (1971-1974, Bronze), steht jetzt im Zentrum einer Ausstellung des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen. Um sie herum sind andere Werke Försters gruppiert, die in Bezug zu ihr stehen, sowie bildhauerische Arbeiten von Walter Arnold, Fritz Cremer, Waldemar Grzimek, Theo Balden, Wolfgang Kuhle, Joannis Avramidis, Reg Butler, Waldemar Otto, Rolf Szymanski, Michael Schoenholtz und anderen, die unterschiedliche Blickwinkel auf die »Große Neeberger Figur« werfen sollen. Hier werden Fragen nach der Darstellung des Menschen, Positionen zu Themen wie Realismus und abstrahierte Figur, Schmerz, Leben und Tod, Akt und bekleidete Figur diskutiert.

Die »Neeberger Figur«, ganz Vertikale bis zu den aufgereckten Armen, verkörpert eigentlich ein alltägliches Motiv, das des Hemdausziehens. Aber sie ist, aus Eiformen aufgebaut (das Ei als Quelle des Lebens), in den Körperformen so abstrahiert, dass sie zur Übersteigerung des traditionellen Körperideals geworden ist. Ihre Zehen bohren sich in die Erde, ihre Arme reckt sie wie Zweige, ihre Finger züngeln wie Geäst in den Himmel. Verborgen ist der Kopf, nur die Brüste halten das herabgleitende Gewand auf.

Ihr Gegenbild ist der »Große Trauernde Mann« (1979-1983, Bronze), in sich zusammengesunken, aber voller innerer Energien bebend in der Erinnerung - das sind die Entsprechungen wie Polaritäten, die das Werk eines der bedeutendsten Künstler der Gegenwart bestimmen.

Figur tut weh. Positionen um Wieland Försters Große Neeberger Figur. Gerhard-Marcks-Haus Bremen, bis 12. April. Katalog 25 Euro. www.marcks.de

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