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Nicht nur Fremdenfeinde in Tröglitz

Ein Dorf in Sachsen - Anhalt zieht Konsequenzen nach dem Rücktritt ihres von Nazis bedrohten Bürgermeisters

  • Von Hendrik Lasch, Tröglitz
  • Lesedauer: 8 Min.
In Tröglitz ist der Bürgermeister zurückgetreten. Er fühlte sich nicht vor Rechten geschützt, die gegen Flüchtlinge protestieren. Nun wollen etliche Bürger die Zuzügler erst recht willkommen heißen.

Für eine Suchanzeige für Kater Felix, der seit Januar vermisst wird, gibt es noch ein wenig Platz. Auch auf den »Schlemmerabend«, der morgen im Hotel Elsterblick stattfindet, kann auf dem »Schwarzen Brett« vor dem Einkaufstreff von Tröglitz noch hingewiesen werden. Ansonsten aber gibt es in dem Dorf im Süden von Sachsen-Anhalt derzeit augenscheinlich nur ein Thema.

Das wird an der Anschlagtafel am Friedensplatz auf sieben eng beschriebenen Blättern abgehandelt. Es äußern sich: der langjährige Bürgermeister; seine Frau; ein örtlicher NPD-Politiker; eine Gruppe Tröglitzer Bürger, die anonym bleiben will; der Altbürgermeister. Die Argumente wogen hin und her – auf dem Papier. Der Platz selbst ist weitgehend verwaist. »Es geht kaum noch jemand in die Kaufhalle«, sagt Gemeinderätin Maria Barsi: »Die Leute wollen nicht angesprochen werden.«

Vielleicht ist es ja Scham. Seit vorigem Wochenende steht Tröglitz am Pranger. Damals wurde bekannt, dass Markus Nierth sein Amt als Ortsbürgermeister niedergelegt hatte. Der ehrenamtliche Politiker hatte sich in seinem Ort nicht genug geschützt gefühlt. Seit Januar wird in Tröglitz an jedem Sonntag gegen eine geplante Unterbringung von 40 Asylbewerbern protestiert. Zu den von einem Kreisrat der NPD angemeldeten Aufmärschen kommen regelmäßig rund 100 Menschen: Rechtsextreme aus dem nahen Thüringen, die per Bus anreisen, aber auch Bürger von Tröglitz.

Vergangenen Sonntag sollte die Demonstration erstmals direkt vor dem Bauernhof im Ortsteil Burgschütz enden, den Nierth mit seiner Frau und sieben Kindern bewohnt. Das Landratsamt sah sich nicht in der Lage, die Route zu ändern. Das war dem Bürgermeister zu viel. »Immerhin geht es um meine Frau und meine Kinder«, schrieb der 46-jährige Theologe in einer Erklärung. Er weiche »nicht vor dem Druck der Rechten«, fügte er hinzu. Er sei aber »enttäuscht«, dass die Behörden nicht für einen »Mindestschutz« seiner Familie gesorgt hätten.

Der Rücktritt war ein Paukenschlag, dessen Echo in Tröglitz noch lange nachhallt. Politiker in Land und Bund äußerten sich entsetzt; manche sprachen von einer »Tragödie für die Demokratie«. Journalisten in ganz Deutschland und im Ausland berichteten über den Fall; Nierth, bisher allenfalls regional bekannt, gab Interviews für große überregionale Zeitungen und wurde in eine Talkshow des ZDF eingeladen. In Magdeburg hat der Innenminister gestern einen Erlass veröffentlicht, der ehrenamtliche Politiker besser schützen soll; er verfügt faktisch eine »Bannmeile« um ihre Wohnhäuser und soll so verhindern helfen, dass Protestierer durch »wiederkehrende physische Präsenz« eine »Willensbeugung« bei Politikern bewirken können, wie es heißt.

Für Tröglitz kommt das zu spät. Der Bürgermeister hat hingeworfen; nun herrscht Katerstimmung. Nierth wird allenthalben gelobt; er sei »geradlinig, ehrlich, menschlich«, sagt Wolfgang Bliesener, früher Leiter eines Kulturhauses, und fügt an: »Wir stehen hinter ihm.« Ähnlich äußern sich viele Bürger. Allerdings: So offen hatten zuvor offenbar zu wenige ihre Solidarität ausgedrückt. Er habe »tatkräftige Unterstützung« vermisst, schrieb Nierth nach dem Rücktritt auf seiner Facebook-Seite. Er könne nicht einschätzen, wie viele Tröglitzer sich an einem »Aufstand der Anständigen« beteiligen würden; er ahne aber: »Es wären weit weniger, als ich es erhofft hatte.«

Was aber hätte geholfen? Gegendemonstrationen? Das fordert sich leicht, wenn man in Magdeburg oder Dresden lebt. Die Tröglitzer finden etliche Gründe dagegen. Die Journalistin Maria Barsi neigt als Gemeinderätin nicht dazu, sich zu verstecken; aber, merkt sie an, »hier weiß jeder von jedem, wo er wohnt oder wo die Kinder zur Schule gehen«. Immerhin: Seit Ende Januar lädt die Kirche zeitgleich zu den Protesten gegen die Asylbewerber zu einem Friedensgebet in geschütztem Raum. Anfangs kamen 70 Menschen; später, räumt die Lokalpolitikerin Karin Denk ein, waren es freilich kaum noch zwei Dutzend. Dass diese sich auf der Straße aber tatsächlich den Rechten und deren Mitläufern entgegen stellen, womöglich getrennt durch Polizisten – das kann man sich im Ort nur schwer vorstellen. Es würde, fürchtet Denk, »den Ort zerreißen«.

Groß ist der Zusammenhalt schon jetzt nicht. Tröglitz wurde, sagt Ortschronistin Sigrid Sachse, erst im April 1943 gegründet – als Werkssiedlung der Firma Brabag, die Braunkohle zu Benzin verarbeitete. Die Beschäftigten wohnten je nach Stellung und Verdienst entweder in kleinen Reihenhäusern oder in zweigeschossigen Blöcken. Die dazwischen liegende Straße trennt, so scheint es, bis heute zwei Welten. Zur Klein- und der Blocksiedlung kommt heute noch ein Ortsteil mit neuen Einfamilienhäusern. Dort leben junge Familien mit Kindern, die oft gut verdienen. Viele andere Tröglitzer sind Rentner oder Arbeitslose – Menschen, die im Hydrierwerk Zeitz arbeiteten, nach 1989 dessen Abwicklung erlebten und oft kaum noch Arbeit fanden. Viele erinnern sich mit Stolz an den Bau der Schule, der Kaufhalle, der Sternwarte im Ort und mussten später sehen, wie Häuser verkauft wurden oder verfielen. »Vieles, was sie aufgebaut haben, gehört ihnen nicht mehr«, sagt Bliesener, ein erst spät Zugezogener. Heute pflegen die 2000 Tröglitzer eher ein Neben- als ein Miteinander. Vereine, sagt die Ortschronistin Sigrid Sachse, »gibt es hier kaum«.

Bei etlichen im Ort haben sich Frust und Enttäuschung in Ressentiment gewandelt. Sie lebten von kleinen Renten, Arbeitslosengeld und Hartz IV, schreiben die anonymen »Bürger von Tröglitz« in ihrem zweiseitigen Papier. »Manche kommen kaum über den Monat«, heißt es dort, »und da sollen wir Ausländer, die fürs ›Nichtstun‹ Geld bekommen, mit offenen Armen empfangen«. Sie hätten »diese Leute nicht hergeholt«, schreiben sie, »und der überwiegende Teil will sie auch nicht.« Karl Mück, als langjähriger Bürgermeister ein Vorgänger von Markus Nierth, sah sich zu geharnischter Erwiderung an die Bürger veranlasst, die leider »zu feige« seien, um ihre Namen unter das Pamphlet zu setzen. Es seien, betont Mück, Bundesgesetze, die »ihre Rente, ALG oder Hartz IV sichern«. Und Bundesgesetze, fügt er hinzu, »sind auch die Gesetze für Asylbewerber«.

Es sind Debatten, wie sie in diesen Tagen nicht nur in Tröglitz geführt werden. Vielerorts wollen Menschen, die wenig haben, jenen die Tür verschließen, die mit gar nichts kommen. Dabei, sagt Maria Barsi, ähnele deren Schicksal dem vieler heutiger Tröglitzer. Ein Gutteil, sie selbst eingeschlossen, habe Vorfahren, die als Umsiedler nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien und aus dem Sudetenland kamen – Menschen, die aus politischen Gründen ihre alte Heimat verlassen mussten und ohne Hab und Gut in einer neuen ankamen. Für sie wurde in Tröglitz eine katholische Kirche gebaut. Herzlich willkommen seien die Neuankömmlinge auch damals gerade nicht gewesen; eine Existenz aber hätten sie sich aufbauen können. »Warum«, fügt sie hinzu, »wollen wir das den Zuzüglern heute verwehren?!«

Vielleicht ist die Zahl derer, die so denken, mit dem Rücktritt des Bürgermeisters gewachsen. Dass die Flüchtlinge kommen, ist inzwischen ohnehin sicher – der Kreistag des Burgenlandkreises hat es zu Wochenbeginn beschlossen. Im Mai sollen die für ihre Unterbringung vorgesehenen beiden sanierten Häuser, die mitten im Ort in der Thälmannstraße stehen, bezogen werden; Ende März will der Landrat auf einer Bürgerversammlung Details bekannt geben. Schon jetzt aber müsse man sich überlegen, wie man auf die Neuankömmlinge zugehen und sie willkommen heißen könne, sagt Karin Denk. Die Ortschefin der LINKEN überlegt bereits, wer im Dorf Englisch, Französisch oder Spanisch spricht; sie kann sich vorstellen, dass auf einigen Seiten im Gemeindeblatt einzelne Zuwanderer ihre Geschichten erzählen. »Wir sollten eine Gruppe sein, die auf die Neuen zugeht«, sagt Denk, die per Aufruf nun Gleichgesinnte suchen will.

Es ist eine Strategie, wie sie auch David Begrich empfiehlt. Er arbeitet beim Verein »Miteinander«, der Kommunen in Demokratiefragen berät und sich in der abgelaufenen Woche auch intensiv mit Gründen für den Rücktritt des Tröglitzer Bürgermeisters beschäftigt hat. Um Wiederholungen zu vermeiden, müssten Landräte und Landespolitik manches anders machen. In Tröglitz, sagt Begrich, gelte es jetzt aber nach vorn zu schauen: »Es geht um die Frage, wer etwas machen will und mit wem man arbeiten kann.« Zwar sei das »Spektrum der Willigen« heterogen. Aber, fügt er hinzu: Es ist vorhanden – anders als Anfang der 1990er Jahre, als schon einmal Ressentiments gegen Ausländer in Ostdeutschland grassierten, aber allzu oft öffentlich unwidersprochen blieben. »Jetzt gibt es immer auch Leute, die gestalten wollen«, sagt Begrich: »Das ist der entscheidende Unterschied.«

In Tröglitz scheinen sich diese Menschen gerade zu finden – in der Kirche, aber auch in der lokalen Politik. Und wenn es gegen den auch für diesen Sonntag von der NPD angemeldeten Protest schon keine Gegendemonstration gibt, formiert sich doch vielleicht so etwas wie eine Graswurzelbewegung. »Wir müssen mit jedem Einzelnen persönlich sprechen«, sagt Maria Barsi. Sie hat etliche Gespräche hinter sich – und erlebt, wie Menschen, die anfangs vor Kriminalität oder mangelnder Sauberkeit im Ort warnten, am Ende zumindest ein wenig einlenkten: »Mal sehen, wer da so kommt.« Skepsis ist noch keine Offenheit, aber auch keine Ablehnung mehr. Im Prinzip, sagt die Tröglitzer Rentnerin Barbara Schütze, sei es ganz einfach: »Man muss die Menschen anlächeln und freundlich grüßen.« Alles weitere kann sich finden. Und vielleicht war der Abschied des Bürgermeisters ja das Signal, das es brauchte, damit sich der Ort zu einem Willkommen für die Flüchtlinge durchringt.

Tröglitz ist kein Einzelfall: Drohungen und Übergriffe gegen Bürgermeister und Lokalpolitiker in einer interaktiven Karte

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