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Machtkampf bei VW: Piëch lässt Winterkorn fallen

Der Vorstandschef will aber nicht aufgeben

  • Lesedauer: 3 Min.

Wolfsburg. Bei Europas größtem Autobauer Volkswagen droht ein erbitterter Machtkampf um die Führungsspitze. Dabei steht die Zukunft von Vorstandschef Martin Winterkorn im Mittelpunkt, nachdem Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch von seinem langjährigen Wegbegleiter abgerückt war. Winterkorn scheint entschlossen, um seinen Posten kämpfen. Er wolle sich von Piëch nicht vom Hof jagen lassen, erfuhr die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« aus dem Unternehmen. Die »Bild am Sonntag« zitierte einen »Vertrauten« Winterkorns mit den Worten: »Piëch will ihn killen, aber Winterkorn kämpft.«

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatten sich bereits hinter Winterkorn gestellt. Beide sitzen im VW-Aufsichtsrat.

Der 77-jährige Piëch war völlig überraschend öffentlich von Winterkorn (67) abgerückt. Piëch sagte dem Nachrichtenmagazin »Spiegel«: »Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.« Dies kommt einer Demontage des Vorstandschefs gleich. Der VW-Aufsichtsratschef sagte außerdem: »Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.« Die Kandidaten dafür seien bereits im Unternehmen.

Im VW-Aufsichtsrat bräuchte es rein rechtlich eine Mehrheit von 11 aus 20 Stimmen, um Winterkorn abzusetzen. Zwar könnte Piëch als Vorsitzender von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen. Er müsste aber auch noch die weiteren Mitglieder der Familien Porsche und Piëch auf der Arbeitgeberbank und das Land Niedersachsen auf seine Seite ziehen. Das Land ist nach den Familien Porsche und Piëch größter VW-Anteilseigner.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD), ebenfalls Mitglied im VW-Aufsichtsrat, sagte, er sehe der Ankündigung Piëchs auch aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat »sehr gelassen« entgegen. Das Land schätze die Arbeit Winterkorns sehr. »Es war eine ärgerliche Überraschung, die Bewertung des Aufsichtsratsvorsitzenden Piëch aus den Medien zu erfahren. Man sollte bitte nicht den erfolgreichen VW-Konzern durch solch öffentlichen Einlassungen in eine schwierige Situation bringen.«

Der »Spiegel« führt für die Verstimmung zwischen Winterkorn und Piëch auch die großen strategischen Probleme an, vor denen Volkswagen allem Erfolg zum Trotz seit Jahren steht. Die Gewinnkraft der Kernmarke VW-Pkw hinkt der Konkurrenz beständig hinterher. Daher greift seit vergangenen Sommer ein milliardenschwerer Sparplan. Im Juli gibt Winterkorn das Amt als VW-Markenchef, das er in Personalunion mit dem Konzernvorstand führt, an den früheren BMW-Entwicklungsvorstand Herbert Diess ab.

Die Porsche-Familie will bis auf weiteres in der Öffentlichkeit keine Stellung beziehen. »Die Familie Porsche möchte sich zu den Vorgängen zurzeit nicht äußern«, sagte ein Sprecher der »Bild am Sonntag«. Allerdings hieß es laut der Zeitung aus dem Umfeld von Wolfgang Porsche, dem Sprecher des Familienclans: »Am Ende ziehen die Familien bei wichtigen Entscheidungen an einem Strang.«

Winterkorn ist seit 2007 VW-Vorstandsvorsitzender. Sein Vertrag läuft Ende nächsten Jahres aus. Konzerninsider hatten zuletzt übereinstimmend berichtet, dass Winterkorn Piëch im Kontrollgremium ablösen dürfte. Nur der Zeitpunkt schien unklar. So ließ es auch Winterkorn zuletzt offen, ob für ihn eine Vertragsverlängerung infrage komme.

Die Aussagen Piëchs kommen einem Erdbeben bei Volkswagen gleich. Piëch hatte die Konzernspitze vor Winterkorn selber geführt, zu dem er jahrzehntelang ein großes Vertrauensverhältnis besaß. Ohne Piëch, das ist Konsens, fällt keine zentrale Entscheidung bei VW.

International fehlen VW in den USA die richtigen Modelle, so dass der Konzern seit Jahren in einem wachsenden Markt - dem nach China zweitgrößten der Welt - Anteile verliert. In Summe werden diese Probleme verdeckt durch den insgesamt seit Jahren laufenden Rekordkurs des Konzerns, der sich mit großem Tempo bei Absatz, Umsatz und Gewinn verbessert. Der Rivale General Motors (GM) ist schon überholt. Nur noch Toyota liegt vorne. dpa/nd

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