Wem gehört Schindlers Liste?

Um das berühmte Dokument begann in Israel ein Prozess

  • Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit 1999 wird »Schindlers Liste«, die 1200 Juden vor der Ermordung rettete, in Jerusalem aufbewahrt. Am Dienstag begann dort ein Prozess um das Dokument. Eine Erbin von Oskar Schindlers Witwe will es haben.

Chaim Grüngras, Ignac Eckstein, Salomon Hartmann - drei von über tausend Namen, auf Briefpapier mit der Schreibmaschine getippt, zu lesen in Vitrinen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Die drei Männer zählten zu den 1200 jüdischen Menschen, die der deutsche Fabrikant Oskar Schindler - er starb 1974 - als »unverzichtbare Mitarbeiter« für seine kriegswichtige Emaillefabrik ausgab und damit vor der Ermordung durch das Hitlerregime bewahrte. Hohen Bekanntheitsgrad erlangten die Bögen mit den Namen der Geretteten 1993 durch Steven Spielbergs Film »Schindlers Liste«. Um sie wird nun juristisch gestritten.

Ein Jerusalemer Gericht muss sich seit Dienstag mit der Frage befassen, wie der Koffer, in dem Schindler eine Kopie der Liste aufbewahrte, nach Yad Vashem gelangte und ob dies in rechtmäßiger Weise geschah. Angestrengt hat den Prozess die 63-jährige Erika Rosenberg aus Argentinien. Sie war Biografin der 2001 im Alter von 93 Jahren verstorbenen Schindler-Witwe Emilie und von ihr als Erbin eingesetzt worden. Als solche erhebt sie Anspruch auf die Liste.

Der Koffer mit dem geschichtsträchtigen Inhalt war 1997 im niedersächsischen Hildesheim gefunden worden. Er lag auf dem Dachboden eines Mietshauses, in dem sich Oskar Schindler von 1971 bis zu seinem Tode oft aufgehalten hatte: bei seiner Freundin Annemarie Staehr. Offiziell gemeldet war er in Frankfurt am Main. Seine Ehefrau, mit der er 1949 nach Argentinien ausgewandert war, hatte er dort zurückgelassen. Ein Sohn von Annemarie Staehr, der den Koffer entdeckt hatte, lebte Ende der 1990er-Jahre in Stuttgart und hatte den »Stuttgarter Nachrichten« von seinem Fund berichtet. Die Journalisten zeigten Interesse, berichteten über die Sache und sorgten dafür, dass Koffer und Liste zur Gedenkstätte nach Jerusalem gelangten.

Zu Unrecht sei das geschehen, bekräftigt Klägerin Erika Rosenberg. Sie behauptet, Schindlers Freundin Annemarie Staehr habe den Koffer erst nach dem Tod ihres Geliebten aus dessen Frankfurter Wohnung nach Hildesheim geholt und sich damit ein Stück des Erbes angeeignet. Schon 1999 war Rosenberg - damals im Namen der noch lebenden Schindler-Witwe - wegen der Dokumente vor Gericht gezogen: gegen die Zeitung. Diese habe durch das Auswerten der Fundstücke die Rechte der Witwe verletzt. Es kam zum Vergleich, die »Stuttgarter Nachrichten« zahlten Emilie Schindler 25 000 D-Mark.

Zu Recht seien die Dokumente nach Yad Vashem gekommen, heißt es aus Jerusalem, dafür gebe es Beweise. Oskar Schindler habe Annemarie Staehr den Koffer noch zu Lebzeiten übergeben und den Wunsch geäußert, die Liste möge nach Israel gebracht werden. Für diese Version der Causa Koffer gibt es eine Zeitzeugin, berichtet der Rechtsanwalt Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Hannover. Bei einem Besuch in Jerusalem hat er der Gedenkstätte mitgeteilt: Die 79-Jährige sei bereit, entsprechend auszusagen. Fürst will prüfen, ob dies durch eine eidesstattliche Erklärung geschehen kann, um der Seniorin die Reise zu ersparen.

»Die Liste gehört nach Yad Vashem«, betont Michael Fürst im Gespräch mit »nd«. Er glaube nicht, dass ein israelisches Gericht dies anders sehen wird. Der Jurist meint, Erika Rosenberg habe die Klage letztlich nur erhoben, um für die Liste »Geld zu bekommen«. Diese Ansicht teile man auch bei der Gedenkstätte in Jerusalem. Wann mit einer Entscheidung des Gerichts zu rechnen ist? »Das kann in Israel sehr lange dauern«, weiß der Anwalt.

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