Es geht auch anders ...

Wolfgang Seiffert - ein Leben im geteilten Deutschland

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 4 Min.
Am 7. Juni 1955 erschien das »Neue Deutschland« auf Seite 1 mit der Meldung »Empörung in ganz Deutschland. Die Forderung in Ost und West: Heraus mit Jupp Angenfort und Wolfgang Seiffert aus Adenauers Kerkern!« Was war geschehen? Die etwa 30 000 Mitglieder umfassende FDJ Westdeutschlands war im Jahre 1951 »als verfassungswidrige Organisation« verboten worden. Wolfgang Seiffert setzte in der Illegalität seine Arbeit als Chefredakteur der FDJ-Zeitschrift »Das junge Deutschland« fort, ebenso Jupp Angenfort als Leiter des Arbeitsbüros der FDJ. 1953 wurden beide verhaftet, und 1955 kam es zu einem politischen Prozess und zur Verurteilung: fünf Jahre Zuchthaus für Angenfort und vier Jahre Gefängnis für Seiffert. Während Angenfort zur Strafabbüßung nach Münster gebracht wurde, kam Seiffert nach Anrath bei Krefeld. Dort gelang ihm am 22. Januar 1956 mit Hilfe einer selbstgebauten Strickleiter die Flucht. In der DDR wurde Seiffert als Patriot und Friedenskämpfer gefeiert. Er erwarb die Hochschulreife und studierte Jura an der Humboldt Universität. 1969 wurde er Professor für internationales Wirtschaftsrecht, Rechtsvergleichung, Patent- und Urheberrecht. Seiffert hatte in seinem Asylland gute Kontakte zum FDJ-Vorsitzenden Karl Namokel, Margot Feist/Honecker, Werner Lamberz, Walter Ulbricht und Erich Honecker. Für seine Juristen-Kollegen Michael Benjamin, Bernhard Graefrath und Uwe-Jens Heuer findet er Worte der Anerkennung. Ulbricht hält er für einen Politiker von Format. Dessen Erklärung im Juni 1961, dass er nicht die Absicht habe, eine Mauer zu errichten, sei keine Irreführung der Öffentlichkeit gewesen. Das war vielmehr Ulbrichts Strategie. Allerdings scheiterte er damit, und schon bei Beginn der Tagung des Warschauer Paktes am 3. August 1961 in Moskau sagte ihm Chruschtschow: »Deine Variante ist gestorben; da machen die Amerikaner nicht mit.« Hohe Anerkennung zollt Seiffert der von Ulbricht initiierten Wirtschaftsreform in den 60er Jahren. Hingegen kreidet er Honecker den Abbruch dieser Reform als »irreparablen Fehler« an. Er meint auch, dass es 1974 einem »Staats-streich« gleich kam, als Honecker aus der 1968 per Volksentscheid angenommenen Verfassung das Ziel der Vereinigung Deutschlands streichen ließ. Seiffert fühlte sich dadurch persönlich tief getroffen, war er doch für die deutsche Einheit einst ins Gefängnis gegangen. Für den Autor konnte von da an die DDR nicht mehr zu einem »Neubeginn deutscher Geschichte« werden. Wegen seiner Dissonanz mit der Politik Honeckers verließ er im Februar 1978 die DDR, um in Kiel seine Tätigkeit als Hochschullehrer fortzusetzen. Auch im Westen begegnete er anationalen Denkrichtungen in der politischen Elite. Als Jurist und Patriot plädierte er in zahlreichen Publikationen für das Offenhalten der »deutschen Frage«. Die DDR reagierte darauf mit der zeitweiligen Aberkennung des Professorentitels. Nach Seifferts Ansicht sprang selbst Helmut Kohl erst nach dem Mauerfall auf den Zug zur Einheit auf. Die Art und Weise der Herstellung der deutschen Einheit bewertet der Autor sehr kritisch. Er gibt Altkanzler Helmut Schmidt Recht, wenn er in der »Beiseiteschiebung« früherer »DDR-Kader« eine der Ursachen für die anhaltende wirtschaftliche Misere der neuen Bundesländer sieht. Sicher sei die DDR an ihren systemimmanenten Mängeln gescheitert, meint der Verfasser, doch: Musste sie scheitern? Die DDR habe immerhin 40 Jahre als das »andere Deutschland« existiert und funktioniert. Die DDR habe die Chance gehabt, so leistungsfähig zu werden, »dass sie sich in den Prozess der Wiederherstellung des deutschen Gesamtstaates als politisch respektable Größe hätte einbringen können«, was weitereichende Folgen gehabt hätte. Die historische Erfahrung für die Geschichte der DDR bringt Seiffert in Hinsicht auf die strategischen Fehler in der Honecker-Ära auf die Formel: »Es geht auch anders, aber nicht so!« 1994 wurde Seiffert Generalsekretär des Zentrums für deutsches Recht an das Institut für Staat und Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Eine Literaturauswahl, ein Personenverzeichnis mit Kurzvita und eine Dokumentation schließen den Band ab. Nicht allen Wertungen wird der Leser unwidersprochen zustimmen können. Dazu zählt z. B. die Zurückführung der Oder-Neiße-Grenze ausschließlich auf das deutsch-sowjetische Geheimabkommen von 1939. Einem Irrtum, der bei weiteren Auflagen korrigiert werden sollte, unterliegt der Verfasser, wenn er glaubt, sich erinnern zu können, bereits am 20. Februar 1956 in einer Zeitung den »Geheimbericht« Chruschtschows gelesen zu haben. Diesen Bericht gab Chruschtschow erst am 25. Februar. Und es dauerte noch einige Wochen und Monate, bis Teile und dann der ganze Bericht in den Westen gelangte und in die Presse kam. Wolfgang Seiffert: Selbstbestimmt. Ein Leben im Spannungsfeld von geteiltem Deutschland und russischer Politik. ARES Verlag, Graz 2006. 216 S., br., 19,90 EUR.

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