Deutscher Fußball mit jüdischen Wurzeln

Ausstellung »Kicker, Kämpfer, Legenden« in Berlin

Seit dem 13:0-Kantersieg der deutschen Fußballer gegen San Marino wird immer wieder die Statistik bemüht. So weiß nun fast jeder Fußballanhänger, dass mit dem 16:0 gegen Russland 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm der absolute deutsche Rekord aufgestellt wurde. Ein anderer Rekord aus jenem Spiel ist weniger bekannt: Zehn der 16 Tore erzielte Gottfried Fuchs. Und was kaum einer weiß: Fuchs war Jude und neben seinem Vereinskameraden Julius Hirsch der bisher einzige jüdische Fußball-Nationalspieler Deutschlands. Die Ausstellung »Kicker, Kämpfer, Legenden. Juden im deutschen Fußball« im Centrum Judaicum in Berlin-Mitte gibt interessante Einblicke in die Geschichte des Fußballs in Deutschland und die Rolle deutscher Juden auf dem grünen Rasen. Aspekte, die bislang weitgehend ausgespart waren in der Betrachtung des deutschen Fußballs. Erst in letzter Zeit hatte sich der Deutsche Fußball-Bund dazu aufgerafft. Aber auch in dem Buch von Nils Havemann über den »Fußball unterm Hakenkreuz« wird das Thema der Juden im deutschen Fußball nur am Rande behandelt. Dabei reicht es bis an seine Wurzeln. Walther Bensemann, Sohn eines jüdischen Bankiers, gründete 1889 in Karlsruhe den ersten Fußballverein Süddeutschlands, den International Football Club. Alles Englische interessierte ihn. Logische Konsequenz, dass Bensemann die so genannten Ur-Länderspiele organisierte: Zwischen 1899 und 1901 spielten inoffiziell deutsche Auswahlmannschaften gegen englische Teams. 1900 war Bensemann maßgeblich an der Formierung des Deutschen Fußball-Bundes beteiligt. 1920 gründete er den »Kicker«, die erste Fußball-Zeitung in Deutschland. Juden als Pioniere des deutschen Fußballs? Für den Teil deutscher Fußballhooligans, der die Ränge für rassistische und antisemitische Auftritte missbraucht, wohl ein wahrer Gräuel. Auch diese Auswüchse betrachtet die Exposition. Fakt aber ist: In vielen bekannten deutschen Klubs spielten einst jüdische Fußballer oder wirkten damals bekannte jüdische Trainer wie bei Bayern München, Kaiserslautern oder Tennis Borussia Berlin. Das Team von TeBe fiel durch den von den Nazis 1933 beschlossenen Arier-Paragraphen in die Krise, weil plötzlich mehr als die halbe Mannschaft nicht mehr spielberechtigt war. Die jüdischen Fußballer durften danach nur noch in eigenen Vereinen und Ligen spielen, was - absurd genug - eine Blütezeit des jüdischen Fußballs in Deutschland zur Folge hatte. Indes fand diese Zeit 1938 ein jähes Ende - oft in faschistischen Vernichtungslagern. Einige Juden überlebten die furchtbare Naziherrschaft und den Krieg. In Berlin bildete sich 1947 die jüdische Sportgemeinschaft Hakoah, die in der 1. Berliner Klasse spielte. Mit der Ausreise vieler Spieler aus Deutschland verschwand Hakoah bald. Erst 1970 gründete sich mit dem TuS Makabi wieder ein jüdischer Sportverein in Berlin. Dessen Kicker sind gerade in die Oberliga aufgestiegen. Ausstellung »Kämpfer, Kicker und Legenden. Juden im deutschen Fußball«; Oranienburger Str. 29/30, 10117 Berlin-Mitte; täglich ab 10 Uhr (außer sonnabends), So und Mo bis 20 Uhr (ab November bis 18 Uhr), Die - Do bis 18 Uhr, Fr bis 17 Uhr (ab Oktober bis 14 Uhr).

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