Bandenkrieg - und rundum die Große Nichtsöde

Preisgekrönte irische Phantastik: Kevin Barrys Roman »Dunkle Stadt Bohane«

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

Der 1969 geborene Kevin Barry wird derzeit als Wunderkind der irischen Literatur gehandelt. Für seinen Debütroman »Dunkle Stadt Bohane« wurde ihm unter anderem der renommierte »International Dublin Literary Award« verliehen, wobei sich Barry gegen die ebenfalls nominierten Superstars des internationalen Literaturbetriebs Haruki Murakami (»1Q84«) und Michel Houellebecq (»Karte und Gebiet«) durchsetzte.

»Dunkle Stadt Bohane« ist ein literarisch dichter, phantastischer Roman über eine heruntergekommene irische Stadt in der Mitte des 21. Jahrhunderts, die von Bandenkriegen heimgesucht wird. Das Außergewöhnliche an Kevin Barrys Prosa ist seine mit Slang und Dialekten durchsetzte Sprache. Das ins Deutsche zu übertragen ist im Grunde gar nicht möglich, die vorliegende Übersetzung von Bernhard Robben zeigt aber die stilistischen Fähigkeiten Barrys, der mit Bohane einen beeindruckenden städtischen Kosmos entwirft, der ebenso bedrohlich düster wie farbenprächtig schillernd ist.

Erzählt wird die Geschichte der Hartnett Fancy, einer Gang, die einen verwinkelten Stadtteil in Bohane kontrolliert und in einen Bandenkrieg mit den Cusacks hineinschlittert. Die Stadt mit ihrem Fluss, der dunkles Wasser führt, und einem Umland aus Torffeldern, der sogenannten Großen Nichtsöde, kommt fast ohne Technik aus. Als Retro-Zukunft bezeichnet das Kevin Barry, Steam-Punk ist der Fachausdruck für dieses literarische Subgenre, das Elemente der Science-Fiction mit der Technologie und Ästhetik des 19. Jahrhunderts abmischt. Besondere Aufmerksamkeit widmet Kevin Barry dem Stil und der Kleidung seiner Figuren. »Fuchsstola, rituelles Make-up, das aus ihren Augenwinkeln scharlachrote Flammen schlug und einen Pinselstrich purpurfarbenen Lippenstifts« trägt Macu, die Frau des Gangchefs. Logan Hartnett selbst kleidet sich in »hochgeschnürte, ochsenblutrote Stiefel, dazu eine rauchgraue Knitterhose und schmale Lederträger über hellblauem Hemd«, wenn er nicht gerade seine lindgrüne Hose und ein silbriges Rüschenhemd trägt.

Die Handlung dieses operettenhaften Dramas um Macht, Eifersucht, kriminelle Energie und Liebe erstreckt sich über ein Jahr und erzählt, wie der Bandenchef Logan Hartnett mit viel List und ebenso viel Gewalt eine Intrige gegen sich vereitelt. Das erinnert ein wenig an Martin Scorseses Monumentalfilm »Gangs of New York« und Anthony Burgess »Clockwork Orange«. Eigentliche Hauptperson des Romans ist die Stadt Bohane als poetisch-sprachliches Kunstwerk, in dem die sozialen Abgründe der handelnden Personen, die Ängste, Hoffnungen und das Scheitern, der eigentliche Nexus der Erzählung sind. Die Stadt Bohane ist wie ein Mechanismus, der diesen sozialen Abgrund speist und zusammenhält. So anspruchsvoll und gelungen das stilistisch und dramaturgisch auch ist, bleibt Kevin Barry letztlich doch in der überbordenden Ästhetik seiner Erzählung stecken. Die alles beherrschende männliche Gewalt wird substanziell kaum hinterfragt. Bohane ist und bleibt im wahrsten Sinn des Wortes eine »dunkle Stadt«, was aber eindeutig etwas mit der Biografie des Autors zu tun hat.

»Es sollte eine massiv gestörte Stadt im Westen Irlands sein, die deutliche Ähnlichkeiten mit jenen massiv gestörten irischen Städten aufwies, in denen ich meine Jugend vergeudet habe«, schreibt der aus Limerick stammende Kevin Barry im Nachwort über seine literarische Schöpfung. Insgesamt 17 Mal soll Barry bis zu seinem 36. Lebensjahr umgezogen sein, unter anderem wohnte er im kalifornischen Santa Barbara, in Barcelona, Liverpool und Dublin. Mittlerweile lebt er in einer ehemaligen Polizeistation in der Kleinstadt Sligo an der Küste im Norden Irlands. Von dort stammt übrigens auch Declan Burke (ebenfalls Jahrgang 1969), dessen formal ungewöhnlicher Roman »Absolute Zero Cool« um einen terroristischen Anschlag in Sligo vor kurzem auf Deutsch erschienen ist. In literarischer Hinsicht sollte man die nördliche irische Provinz, ihre jungen Autoren und deren unorthodoxe Romane im Auge behalten. Was es derzeit von dort zu lesen gibt, macht jedenfalls Lust auf mehr.

Kevin Barry: Dunkle Stadt Bohane. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Tropen Verlag bei Klett-Cotta, 288 S., geb., 19.95 €.

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