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Sterben wie ein Bauer in Frankreich

Landwirte protestieren seit Wochen gegen niedrige Aufkaufpreise des Handels und gegen Lohndumping im Ausland

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 5 Min.

Jeder zehnte französische Bauernhof steht vor dem Ruin und 20 bis 25 Prozent sind hoch verschuldet. Das räumte Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll ein, der in diesen Tagen auf die sich ausbreitende Protestwelle unzufriedener Bauern reagieren musste. Diese hatten tagelang Touristenziele wie den Mont Saint-Michel blockiert oder zeitweise die Autobahnen bei Caen und Amiens gesperrt, um auf ihre Misere aufmerksam zu machen.

Am Sonntagabend verlagerten sich die Proteste auf sechs Straßenverbindungen nach Deutschland. An der Europabrücke in Kehl nahe Strasbourg blockierten am Montag die Landwirte mit etwa 50 Traktoren eine Spur. Sie wollten deutsche Lastwagen kontrollieren und gegebenenfalls auch zurückschicken, nicht aber den Autoverkehr blockieren. Der Sender France Bleu Alsace berichtete von 200 bis 300 betroffenen Lkw.

Die Aktion des elsässischen Zweigs der Föderation der Bauerngewerkschaften (FDSEA) war zunächst bis zum Nachmittag geplant. Bis zu 1500 Landwirte sollten abwechselnd an den Blockaden teilnehmen, kündigte der FDSEA-Präsident des Départements Bas-Rhin, Franck Sander, an. Französischen Bauern würden mehr Regelungen zu Umweltschutz und Bürokratie auferlegt als Konkurrenten aus anderen Ländern.

Ihre Proteste richten sich vor allem dagegen, dass Schlachthöfe, Molkereien und andere Verarbeitungsbetriebe sowie die Handelsketten Vieh, Milch, Obst und Gemüse oder andere Produkte zu Preisen aufkaufen, die oft nicht einmal die Selbstkosten decken. Der Verdienst der Landwirte bleibt auf der Strecke, Investitionen in ihren Hof rentieren sich nicht. »Ich kann mir seit Jahren nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn entnehmen«, schildert Landwirt Michel Janin seine Lage, »doch jetzt weiß ich gar nicht mehr, wovon ich meine Familie ernähren soll, denn erstmals erlöse ich in diesem Jahr weniger, als Futter, Energie, Tierarzt, die Forderungen der Bank und andere Kosten ausmachen«.

Im Durchschnitt ist jeder französische Hof mit 250 000 Euro verschuldet. Laut Statistik nimmt sich im Schnitt an jedem zweiten Tag ein Bauer in Frankreich das Leben, weil er keinen Ausweg mehr weiß. Die Zahl der Höfe geht dramatisch zurück. Gab es im Jahr 1988 noch gut eine Million Höfe, sank ihre Zahl bis 2000 auf 664 000; aktuell sind es nur noch 45 000 – mit weiter fallender Tendenz. Mit dem Argument billiger Konkurrenzangebote aus dem Ausland diktieren die verarbeitende Industrie und der Handel immer niedrigere Ankaufpreise. Durch Fusionen unter den Supermarktketten haben die Konzentration und damit ihre Marktmacht enorm zugenommen. Gab es vor fünf Jahren noch acht Einkaufszentralen der Handelsketten, sind es heute nur noch vier. Ihr Bestreben ist es, sich durch möglichst niedrige Endverbraucherpreise gegenseitig zu unterbieten, ohne Abstriche bei den üppigen Gewinnmargen zu machen.

Die Kosten für diesen Verdrängungswettkampf müssen die Bauern tragen. Vom Endverbraucherpreis für Fleisch oder Aufschnitt vom Schwein kassiert beispielsweise der Schlachthof acht Prozent, die Verarbeitungsindustrie 16 Prozent und der Handel 39 Prozent, während fünf Prozent als Mehrwertsteuer an den Staat gehen. Nur 32 Prozent bleiben für den Bauern, der damit seine Kosten decken muss. Hinzu kommt, dass die Verbraucher nicht zuletzt durch die Krise ihre Ess- und Kaufgewohnheiten geändert haben. So ist in den letzten zehn Jahren der Pro-Kopf-Verbrauch von Rindfleisch von 31 auf 24 Kilogramm zurückgegangen und der von Schweinefleisch von 37 auf 32. Von 23 auf 27 Kilogramm gestiegen ist dagegen der Verbrauch von Geflügelfleisch – weil es billiger ist.
Die französischen Bauernverbände kritisieren auch Dumpingkonkurrenz aus Nachbarländern. Beispielsweise in Deutschland haben Zuchtbetriebe für Schweine oft mehr als 1000 Tiere und die meisten Milchkühe stehen ausschließlich im Stall, so sie Fertigfutter bekommen, während sie in Frankreich dagegen den größten Teil des Jahres auf der Weide verbringen. Außerdem werden in den deutschen Schlachthöfen billige Vertragsarbeiter aus Osteuropa beschäftigt. »All das wirkt sich natürlich auf den Preis aus«, meint Bauernverbandspräsident Jean-Yves Heurtin. Darum fordert seine Organisation europaweite Gesetze gegen Sozialdumping und den Schutz naturnah erzeugter Qualitätsprodukte durch ein spezielles Label »Produit de France«, um sich von billigen Massenprodukten abzugrenzen.

Der Vizechef des Deutschen Bauernverbands, Udo Hemmerling, wies darauf hin, dass französische und deutsche Bauern »dieselben Probleme« mit stark gesunkenen Erzeugerpreisen hätten. LINKE-Politikerin Sahra Wagenknecht rief die Bundesregierung auf, der »gnadenlosen Ausbeutung« von Beschäftigten in der Landwirtschaft und der Fleischindustrie sowie dem Missbrauch von Werkverträgen ein Ende zu setzen.

Die französische Regierung hatte vergangene Woche, um die Wellen des Unmuts zu glätten, eine Reihe von Hilfsmaßnahmen angekündigt. Dafür werden 600 Millionen Euro bereitgestellt, davon 100 Millionen an Abstrichen bei Steuern und Sozialabgaben. Von Handel und Industrie fordert die Regierung, die auf nationaler Ebene unter Vermittlung des Staates ausgehandelten Mindestaufkaufpreise zu respektieren. An die Banken wird appelliert, Zinsen und Tilgungen für Kredite über einen längeren Zeitraum zu verteilen.

Die halbherzigen Maßnahmen reichten nicht aus, um die Protestaktionen zu beenden. »Wir wollen keine Almosen«, meint Bauer Michel Janin, »sondern korrekte Aufkaufpreise und faire Wettbewerbsbedingungen, um von unserer Arbeit leben zu können.« mit dpa

In Frankreich haben Demonstranten schon mehrfach Grenzübergänge blockiert. Einige Beispiele:

Januar 2015: Streikende französische Lkw-Fahrer befahren die Autobahn Saarbrücken-Metz im Schneckentempo und sorgen mit dem dort entstandenen 18-Kilometer-Stau für eine Grenzblockade.

September 2000: Aus Protest gegen hohe Spritpreise behindern Landwirte den Verkehr durch den Ärmelkanaltunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. Zudem wird die Grenze bei dem Schweizer Ort St. Gingolph am Genfer See von französischen Lastwagenfahrern mit einer Langsamfahrt praktisch blockiert. Auch Verkehrsachsen zum Nachbarland Belgien sind betroffen.

November 1997: Unter fast 150 Straßensperren französischer Fernfahrer sind auch mehrere blockierte Grenzübergänge. Die Polizei löst unter anderen Sperren an der Grenze zu Spanien und an der Europabrücke in Straßburg Richtung Deutschland auf.

November 1992: Aus Protest gegen neue Regeln im europäisch-amerikanischen Agrarhandel legen französische und belgische Bauern mit Traktoren den Verkehr in der Grenzregion lahm.

August 1990: Mit der Blockade der Grenzen zur Bundesrepublik protestieren französische Viehzüchter gegen den Verfall der Fleischpreise. Die Europabrücke Straßburg-Kehl und weitere Grenzübergänge sind stundenlang blockiert. dpa/nd

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