Dekarbonisierung ist noch Zukunftsmusik

Der Ausstieg aus der CO2-intensiven Wirtschaftsweise ist aus Klimaschutzgründen unumgänglich - in den Industriestaaten tut sich aber noch wenig

Ein neuer Begriff erobert die klimapolitische Debatte: »Dekarbonisierung«. Er besagt, dass die Wirtschaftsweise mit dem Ziel eines sinkenden Ausstoßes von Kohlenstoff umgestaltet werden soll.

Man muss kein großer Prophet sein: Mit Barack Obamas »Clean Power Plan« haben die Befürworter einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft nun eine Hoffnung mehr. Der Präsident folgt mit seiner Verschärfung der Klimaziele, die vor allem die US-Kohlewirtschaft trifft, tatsächlich dem Versprechen in der Abschlusserklärung des G7-Gipfels in Elmau, das lautet: Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis zum Ende dieses Jahrhunderts.

Die Euphorie, die die sieben wichtigsten Industrieländer bei den ansonsten so kritischen Öko- und Umweltverbänden damit auslöste, sorgt für eine gewisse Verwunderung. Denn klimapolitisch haben die Staatenlenker - wie jetzt auch Obama - im Grunde nur eigentlich Selbstverständliches verkündet.

Die Rechnung, auf die das Konzept der Dekarbonisierung zurückgeht, ist recht einfach: Soll das Weltklima nicht endgültig und irreversibel umkippen, dürfen nach ziemlich einhelliger Auffassung der Klimawissenschaftler nur noch rund 1000 Gigatonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen werden. Beim derzeitigen globalen Ausstoß von jährlich etwa 35 Milliarden Tonnen CO2 läuft dies auf die Feststellung hinaus: Geht alles weiter wie bisher, dann müssten die Emissionen nach maximal 30 Jahren auf Null sinken.

In der Realität müsste die Emissionskurve aber schon jetzt deutlich nach unten zeigen, um mehr Zeit für die notwendige Umstellung von Wirtschaft und Gesellschaft zu haben. Deshalb wollen Industrieländer wie die Bundesrepublik - so ist jedenfalls die festgeschriebene Absicht - erst bis 2050 ihre Treibhausgasemissionen um bis zu 95 Prozent gegenüber dem klimapolitisch üblichen Basisjahr 1990 senken. Energie aus fossilen Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas ist dann nur noch marginal vertreten. Das bedeutet zwar das Aus für eine bestimmte energiewirtschaftliche Branche - allerdings eben nicht gleich morgen, so dass genügend Zeit für sozialverträgliche Lösungen bleibt.

Das Problem hinter der Dekarbonisierung ist allerdings noch deutlich größer. Nach Angaben von Umweltökonomen ist nicht nur der laufende fossile Verbrauch auszumustern. Künftig müssen auch noch mehr als 80 Prozent der heute bekannten Kohlevorräte sowie entsprechend etwa zwei Drittel der Öl- und Gasreserven im Boden bleiben. Das ist natürlich eine Horrorvorstellung für alle Energiekonzerne und deren Eigner, die die künftigen Erlöse aus diesen Rohstoffen längst in die Gewinnerwartungen und Börsenkurse eingepreist haben. Sollten sich diese angepeilten Gewinne nicht realisieren lassen, dann droht die Gefahr des berühmten »Carbon Bubbles«; der Wert ganzer multinationaler Großunternehmen könnte sich plötzlich im Sinne des Wortes in Luft auflösen.

Einen Vorgeschmack, worum es geht, liefern hierzulande Konzerne wie RWE, E.on und Vattenfall, deren bisheriges fossiles Geschäftsmodell einfach wegbricht. Bei ihnen droht die öffentliche Hand nicht allein auf einem Großteil der atomaren Altlasten sitzen zu bleiben. Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die bisher ganz gut von den RWE-Gewinnen lebten, müssen jetzt zum Beispiel auf Dividendeneinnahmen in Millionenhöhe verzichten - und deshalb soziale Leistungen infrage stellen. So haben sich viele das Zusammengehen von Ökonomie und Ökologie sicher nicht vorgestellt.

Aus einer solchen Perspektive lässt sich die Dekarbonisierung leicht als Schlagwort verunglimpfen, das nur dazu diene, Sozialabbau und Umverteilung trickreich zu begründen. Denn wer hält ein »Weiter so« beim Klimawandel schon für eine bessere Alternative?

Insofern ist hier Vorsorge seitens der Politik gefragt. Die Realität sieht aber anders aus. Jüngst fragten die Grünen die Bundesregierung, ob sich aus dem Bekenntnis der G7 zur Dekarbonisierung eine Änderung der deutschen Position dahingehend ergebe, dass Deutschland seine Exportförderung für Kohlekraftwerke und -minen einstelle? Die Antwort aus dem Wirtschaftsministerium: Innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vertrete die Bundesregierung die Position, dass einheitliche Standards für Exportkredite und Exportkreditgarantien für Kohlekraftwerke notwendig seien, die mit dem »Ziel einer Begrenzung des globalen Klimawandels vereinbar sind«.

Klimaschutz hin, Klimaschutz her - die Bundesrepublik wird vorerst im Ausland weiter Kohleprojekte fördern, die dann in der Regel aber auch mehrere Jahrzehnte laufen werden - im Zweifel bis zum Zieljahr 2050. Die Botschaft ist klar: Erst einmal geht es mit Karbonisierung weiter.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal