Kritischer Anwalt in der Türkei erschossen

Offenbar feuerten Polizisten auf Tahir Elçi / Vorsitzender der Rechtsanwaltskammer von Diyarbakır hatte Militäroperation kritisiert / Linke und Grüne verurteilen Mord und verlangen Konsequenzen von EU und Berlin

Update 14.20 Uhr: Linke und Grüne verurteiln Mord an Tahir Elçi
Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir nannte die Tat erschütternd. Die Ermordung von Tahir Elçi sei ein »neuer Tiefpunkt« der Entwicklung in dem Land, wo die Spannungen immer weiter zunehmen. »Wie lange wollen EU und Bundesregierung zur Abwärtsspirale in der Türkei noch schweigen«, fragte Özdemir im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping sagte, sie sei entsetzt über die Ermordung von Tahir Elçi. »Unter diesen Bedingungen« dürfe am Sonntag nicht der geplante EU-Türkei-Gipfel stattfinden, forderte die Politikerin.

Kritischer Anwalt in der Türkei erschossen

Berlin. In der Türkei haben Sicherheitskräfte den Vorsitzenden der Rechtsanwaltskammer von Diyarbakır, Tahir Elçi, erschossen. Wie ein im Internet kursierendes Video zeigt, hatte es unmittelbar zuvor eine Schießerei zwischen in Zivil gekleideten Polizisten und offenbar kurdischen Militanten gegeben. Plötzlich drehen sich die Sicherheitskräfte um, und eröffnen das Feuer in die entgegengesetzte Richtung - laut der kurdischen Nachrichtenagentur Firat zielten sie dorthin, wo Rechtsanwälte gerade eine Pressekonferenz abgehalten hatten.

Die Agentur wörtlich: »Footage from the scene where Diyarbakır Bar Association Head Tahir Elçi was shot dead in Amed's Sur district Saturday noon, show that policemen deliberately targeted the lawyers and press members in the area.« Unter ihnen war Tahir Elçi, er hatte kurz zuvor gegenüber den Medien erklärt, »in dieser historischen Region und Wiege der Zivilisation wollen wir keine Waffen, Konflikte und Militäroperationen«.

Der Rechtsanwalt Ercan Kanar sprach von einem gezielten Anschlag auf Elçi. Die linke Partei HDP erklärte, Feinde der Menschlichkeit, die es mit den Idealen von Tahir Elçi nicht aufnehmen konnten, hätten ihn durch Mord zum Schweigen bringen wollen. Doch selbst die, welche Verteidiger von Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit töten, würden durch ihre Taten nichts erreichen. »Denkt ihr, Tahir Elçi ist tot?«, erklärte die HDP mit Blick auf das weiterwirkende politische Erbe des Anwalts.

In anderen Berichten wurde behauptet, Tahir Elçi sei zwischen in Schusslinie des Feuergefechts zwischen Polizisten und kurdischen Militanten gekommen. Der autoritär agierende Präsident der Türkei, Tayyip Erdoğan, bedauerte den Tod des Anwalts und erklärte, es sei auch ein Polizist bei dem Gefecht ums Leben gekommen. Der umstrittene AKP-Politiker kündigte an, die türkische Regierung würde den Kampf gegen den Terrorismus weiter fortführen.

Tahir Elci war im Oktober festgenommen worden, weil er sich im Sender CNN Turk anders über die verbotene PKK geäußert hatte, als das türkische Regime es vorsieht: Der Anwalt hatte erklärt, es handele sich nicht um eine Terrororganisation.

Die Türkei steht seit langem in der Kritik, weil Polizei und Militär im Zuge von Antiterror-Operationen gewaltsam gegen Regierungskritiker, Kurden und Linke vorgeht. Im Südosten des Landes, wo die verbotene PKK gegen staatliche Truppen unter anderem mit Anschlägen vorgeht, wurden bei Belagerungen von Städten und Polizeiaktionen Dutzende Zivilisten getötet. nd/Agenturen

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