Noch alte Tassen im Schrank

10 000 Glühweinbecher vom Dresdner Striezelmarkt sollten zerschlagen werden - doch es geht wohl auch anders

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.
Auf dem Striezelmarkt in Dresden gibt es dieses Jahr neue Tassen. Die alten sollten entsorgt werden - 10 000 Stück. In der Stadt regte sich Entrüstung. Nun dürfen die Tassen wohl doch weiter genutzt werden.

Die Neuen sind blau, aus heimischer Produktion und rege in Benutzung: die Tassen, mit denen auf dem Striezelmarkt in Dresden große Mengen Glühwein ausgeschenkt werden. Der traditionsreiche Markt setzt bereits seit 1992 auf Mehrweggeschirr; jetzt sorgt eine Töpferei aus der Lausitz dafür, dass erstmals aus Trinkgefäßen mit regionalem Ursprung gebechert werden kann. 100 000 Tassen liefert der Betrieb aus Neukirch, die Hälfte davon mit einem Motiv, das nur für dieses Jahr entworfen wurde: Striezelkinder vor Frauenkirche.

Beschafft wurden die neuen Tassen freilich nicht, weil ihre Vorgänger allesamt kaputt gegangen oder in den Geschirrschränken sammelwütiger Marktgäste gelandet wären. Grund ist vielmehr, dass der Vertrag für das zentral zu erledigende Abwaschen der Tassen neu ausgeschrieben wurde - wie alle fünf Jahre. Zum Auftrag gehört auch die Bereitstellung der Tassen. Dadurch habe sich »die Gelegenheit« ergeben, eine Tasse einzuführen, die in der Region produziert wird, heißt es im Rathaus. Die alten Tassen, mit buntem Aufdruck versehen und dem Vernehmen nach aus fernöstlicher Produktion, haben damit ausgedient.

Freilich: Vorhanden sind sie noch in erklecklicher Zahl. 10 000 Stück soll der nicht wieder zum Zuge gekommene Dienstleister noch im Bestand haben - und eigentlich hätte er sie laut den Regelungen im Vertrag entsorgen müssen. In der Stadt regte sich Entrüstung. Stadträte verwiesen darauf, dass Vereine wie die Tafel oder die Treberhilfe kaum Geld hätten, um Geschirr zu kaufen, und gute Verwendung für die Tassen hätten. Eine Lokalpolitikerin der LINKEN verwies zudem auf den »ökologischen Unsinn«, das intakte Geschirr einfach wegzuwerfen. In der Boulevardpresse sorgte der »Tassen-Irrsinn« für dicke Schlagzeilen.

Im Rathaus ruderte man angesichts der öffentlichen Empörung nun zurück. »Keiner will, dass Tausende Tassen weggeschmissen werden«, beteuert Robert Franke, Chef des Amtes für Wirtschaftsförderung. Man prüfe »bereits seit längerer Zeit«, wie die Trinkgefäße weiter genutzt werden könnten. Zu »karitativen Zwecken« dürften sie abgegeben werden; auch eine Weiterverwendung »im Bereich Asyl« sei möglich. Allerdings müsse »in jedem Fall ausgeschlossen werden«, dass die Tassen gewerblich genutzt würden, fügte der Amtsleiter an. Dagegen sprächen Markenrechte, aber auch das »Neutralitätsgebot der Verwaltung«.

Inzwischen habe es ein Gespräch mit dem bisherigen Dienstleister gegeben, teilte die Stadtverwaltung auf Anfrage mit. Dieser solle nun zunächst auflisten, wer bei ihm angefragt habe und welche Verwendung für die Tassen jeweils angestrebt werde; nach deren Prüfung »können wir dann gemeinsam mit den möglichen Nachnutzern konkrete Absprachen treffen«, erklärt ein Rathaussprecher. Ob das so rechtzeitig erfolgt, dass die Tassen auch noch bei Weihnachtsfeiern zum Einsatz kommen können, steht zu bezweifeln.

Auf dem Striezelmarkt selbst ist die Posse um das alte Geschirr kein Thema; dort werden die neuen, ausgerechnet in einem Farbton namens Preußischblau gehaltenen Tassen bei der 581. Auflage des Marktes noch bis Heiligabend um 14 Uhr vermutlich so rege gefüllt und geleert wie in früheren Jahren. 2014 wurden etwa 650 000 Tassen Glühwein ausgeschenkt, bilanzierte die Stadt. In wie viele Kehlen er floss, ist unklar.

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