Der Diskrete

Personalie: BND-Mann Gerhard Conrad wird 
Leiter der EU-Geheimdienstbehörde.

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 2 Min.

Über Gerhard Conrad ist nicht viel bekannt - außer der Möglichkeit, dass er gar nicht so heißt. Der Mann ist ein Topagent des Bundesnachrichtendienstes und führt eine Existenz im Konjunktiv. Nun soll er als neuer Koordinator des »Intelligence Analysis and Situation Centre« (INTCEN) gewissermaßen oberster Geheimer der Europäischen Union werden.

Dies ist keine leichte Aufgabe. Denn die seit 1999 im Zuge der »Gemeinsamen Sicherheits- und Außenpolitik« aufgebaute Behörde ist selbst nicht nachrichtendienstlich tätig - zumindest offiziell. Weder das europäische noch die nationalen Parlamente haben geregelten Einblick. Sie soll die Erkenntnisse und Aktivitäten der Dienste der EU-, aber auch anderer europäischer Staaten koordinieren und auswerten. Und die neigen nun einmal nicht zum Spiel mit offenen Karten.

Was qualifiziert den 1954 geboren Islamwissenschaftler dafür? Conrad gilt als Experte für diffizile Verhandlungen. Zunächst soll er, wie seine Ehefrau, in Damaskus und Beirut für den BND gearbeitet haben. 2001 rückte er in dessen BND-Abteilung für Verhandlungen auf, wo er ab 2004 die Verantwortung übernahm. Bekannt wurde Conrad - durch israelische Presseveröffentlichungen - vor allem mit einer Aktion: Er vermittelte, ab 2007 im Auftrag der UN zwischen Israel und Hisbollah über einen spektakulären Austausch von Leichen und Gefangenen im Jahr 2008. Im gleichen Jahr erwirkte er die Freilassung deutscher Bergsteiger, die von der PKK festgehalten wurden. Auch an den Verhandlungen zwischen Hamas und Israel, die 2011 zum Austausch des 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit gegen 1027 Palästinenser führten, war er beteiligt.

Im INTCEN wird Conrad das Fingerspitzengefühl, die Diskretion und Vertrauenswürdigkeit sowie die Frustrationstoleranz gut brauchen können, die für solche Verhandlungen unabdingbar sind. Schließlich hat sein BND für die Amerikaner die EU und befreundete Regierungen bespitzelt. Und wer weiß schon, womit sich die anderen zweieinhalb Dutzend Dienste den ganzen Tag befassen.

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