/ Berlin

Die Menschen in die Stadt zurückholen

Wenn eine Straße umbenannt wird, kann Geschichte aus mehr als nur einer Perspektive erzählt werden

Von Claudia Krieg
Für die Arndtstraße in Berlin-Kreuzberg gibt es die Empfehlung einer Umbenennung.

Barbara Gstaltmayr wirkt unerschütterlich. »Wir haben keinen Garten, der den Namen Barasch trägt, aber jetzt bekommen wir eine Barasch-Straße, das ist doch toll«, sagt Gstaltmayr zu »nd«. Denn Ende Februar 2022 wird im Charlottenburg-Wilmersdorfer Ortsteil Grunewald die Wissmannstraße in Baraschstraße umbenannt - zu Ehren der jüdischen Familie Arthur, Irene, Werner und Else Barasch, die hier in einem Haus auf dem Nachbargrundstück Gstaltmayrs bis zur von den Nationalsozialisten veranlassten Enteignung und Arisierung lebte.

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Gstaltmayr hat jahrelang darum gekämpft, dass auf dem ehemals brach liegenden Gelände ein »Bürgergarten« entsteht, der als Begegnungs-, Gedenk- und Lernort allen Berliner*innen öffentlich zugänglich ist. Allein, Ralf Schmitz, der das Grundstück erworben hatte, wollte dort eine Villa hinstellen, an einem Erinnerungsgarten hatte er kein Interesse. Nicht einmal für zwei Millionen Euro, die Gstaltmayr auftreiben wollte, um ihre Idee zu realisieren. Nun kann sie sich durch die Straßenumbenennung auf eine Art doch noch durchsetzen.

Die ehemalige Wissmannstraße in Neukölln trägt schon seit diesem April den Namen von Lucy Lameck, die 1960 als erste Frau ins Parlament Tansanias einzog. Der deutsche Kolonialoffizier Hermann von Wissmann ist damit in Neukölln von den Straßenschildern verschwunden. Nun wird auch die Wissmannstraße in Grunewald den Namen des Reichskommissars und Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) ablegen, dem man eine barbarische Kriegsführung bei der gewaltsamen Kolonialisierung der Region nachsagte.

Ursprünglich, so Gstaltmayr, hätte der Verein Decolonize Berlin die Umbenennung angeschoben. Der sei dann aber mit seinem eigenen Namensvorschlag zurückgetreten, damit zunächst der Familie Barasch ein Denkmal gesetzt werden könne. »Wir haben die Familie und ihre Geschichte damit wieder in unsere Gesellschaft geholt«, sagt Gstaltmayr. Und: »Wir haben uns nicht geschlagen gegeben.«

An welche Menschen will sich eine Stadt erinnern? Die vor wenigen Tagen ergangene Empfehlung zur Umbenennung von Berliner Straßen, die die Namen nachweislich antisemitischer Personen tragen, hat nicht nur Barbara Gstaltmayr dazu bewogen, darauf hinzuweisen, wie es um die Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus bestellt ist.

»Sollte anstelle von Ernst Udet in Berlin nicht endlich an Regina Jonas erinnert werden«, fragt auch Dominik Schmidt von der Initiative Memory Gaps (auf Deutsch: Erinnerungslücken). Diese eröffnet seit 2015 Monat für Monat Ausstellungen in virtuellen Räumen, das heißt an Straßen oder Plätzen mit Namen von Opfern der NS-Diktatur, die es (noch) nicht gibt, jedoch nach dem Willen der Initiative geben sollte. Zusätzlich werden auch Umbenennungen angeregt: Von jenen Straßen und Plätzen, die heute noch Namen von Personen tragen, die dem Nationalsozialismus verbunden waren.

Dazu gehört eben auch Ernst Udet, nach dem nach wie vor eine Zeile in Tempelhof - im sogenannten Fliegerviertel - benannt ist. Udet war nicht nur Jagdflieger während des Ersten Weltkriegs. Als NS-Generalluftzeugmeister, zuletzt im Rang eines Generaloberst, verantwortete er ab 1939 auch die Flugzeugentwicklung und technische Ausrüstung der NS-Luftwaffe. Und geht es nach Dominik Schmidt von Memory Gaps, sollte allein deshalb künftig nicht mehr an Udet erinnert werden - sondern an Regina Jonas, die erste weibliche Rabbinerin der Welt. Nach Abschluss des Oberlyzeums in Weißensee (heute Primo-Levi-Gymnasium) begann Jonas ihr Studium an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, das sie 1930 erfolgreich abschloss. Anfang 1942 wurde sie zur Zwangsarbeit in einer Berliner Kartonfabrik verpflichtet und am 6. November 1942 zusammen mit ihrer Mutter in das KZ Theresienstadt und dann weiter in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet. Bis heute existiert in Berlin keine Straße, die ihren Namen trägt.