»Scharaponat« boomt

Die Welle von russischen Dopingfällen ebbt nicht ab - doch Funktionäre sprechen von Einzelfällen und Sabotage

Russland streitet noch immer ab, dass Meldonium-Missbrauch in seinem Spitzensport mit System betrieben wurde. Doch ein Verbandspräsident verplappert sich.

Moskau. Die Liste erwischter russischer Doper wird immer länger. Am Donnerstag traf es einen Biathleten. Der Weltverband IBU suspendierte den früheren Juniorenweltmeister Eduard Latypow. Der 21-Jährige hat das seit 1.1.2016 verbotene Mittel Meldonium genommen und reiht sich damit in eine lange Liste der Sünder ein. Zur russischen WM-Mannschaft in Oslo gehört Latypow nicht. Die Probe wurde im Februar im Rahmen des zweitklassigen IBU-Cups genommen.

Nach den Fällen im Tennis, Eiskunstlauf, Radsport, Eisschnelllauf, Volleyball, Shorttrack und nun Biathlon fällt es immer schwerer, nicht von einem flächendeckenden Dopingsystem mit Meldonium zu sprechen. Einzig russische Politiker streiten dies noch ab: »Die Situation sollte nicht so dargestellt werden, dass irgendwie ein Schatten auf den russischen Sport geworfen wird, auf die großartigen Leistungen unserer Athleten«, sagte Dimitri Peskow, persönlicher Sprecher von Staatspräsident Wladimir Putin am Mittwoch. »Wir sprechen über Einzelfälle.« Auch Sportminister Witali Mutko blies ins gleiche Horn: »Jede Situation ist individuell«, sagte Mutko. Man habe jetzt »kein Recht, einen Kommentar abzugeben«.

Einzelfälle also, von denen die Verbände nichts wussten? Aleksej Krawtsow, Präsident des russischen Eisschnelllaufverbands TFR versuchte am Mittwoch in einem Interview mit dem niederländischen TV-Sender NOS eigentlich seinen überführten Sprintweltmeister Pawel Kulischnikow zu schützen, in dem er eine Verschwörungstheorie ins Spiel brachte: So bestehe die Möglichkeit, dass seinem 21-jährigen Star und anderen überführten Athleten »das Präparat mit Absicht von jemandem gegeben wurde, um sie in Misskredit zu bringen«, so Krawtsow. Dafür habe er sogar Hinweise, über die er leider noch nichts sagen konnte. 500-m-Weltrekordler Kulischnikow hätte jedenfalls bereits durch einen Lügendetektortest nachweisen können, das Mittel nicht bewusst eingenommen zu haben.

Unbewusst bestätigte der Verbandspräsident jedoch, was ohnehin alle ahnen, ein System hinter dem Meldonium-Missbrauch: »Im Oktober sind alle Sportler, Ärzte und Teambetreuer informiert worden, dass dieses Präparat ab Januar auf der Liste der verbotenen Mittel steht und nicht länger benutzt werden kann. Von diesem Augenblick an haben wir es nicht mehr bestellt. Alle Vorräte wurden eingesammelt und vernichtet«, sagte Krawtsow. Der TFR hat also Meldonium jahrelang auf Vorrat für seine Athleten eingekauft. Die Einzelfalltheorie ist so nur schwer haltbar.

Währenddessen muss sich Tennisstar Maria Scharapowa keine Sorgen machen, nach ihrem Dopinggeständnis zu verarmen. Der Sportartikelhersteller Head sicherte ihr die hat Unterstützung zu und kündigte sogar eine Verlängerung ihres Vertrags an. Man sei »stolz darauf, hinter Maria zu stehen«, hieß es in einer Erklärung am Donnerstag. Scharapowa sei ein Vorbild und eine unbescholtene, inspirierende Person voller »Ehrlichkeit und Mut«, weil sie Fehler öffentlich zugegeben hat.

Eine russische Webseite, die Nahrungsergänzungsmittel vertreibt, freut sich derweil über einen Boom bei den Verkaufszahlen von Meldonium. Laut BBC seien innerhalb von 24 Stunden nach dem Geständnis des Tennis-Superstars 150 Packungen des meldoniumhaltigen Präparats Mildronat verkauft worden - im Vergleich zu 850 im gesamten vergangenen Jahr. Der Preis sei nun nahezu verdoppelt worden, erklärte ein Sprecher von RUPharma, sogar ein zusätzlicher Mitarbeiter werde eingestellt: »Wir nennen Mildronat hier schon scherzhaft Scharaponat.« Agenturen/nd

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