Tunesien im Visier der Islamisten

Libyen destabilisiert auch den nordöstlichen Nachbarn

  • Von Mirco Keilberth, Tripolis
  • Lesedauer: 3 Min.

Militärisch stand in Libyen zuletzt das nördliche Grenzgebiet zu Tunesien im Blickpunkt. Zu Wochenbeginn hatte eine radikale Miliz die tunesische Küstenstadt Ben Gardane überfallen. Bei einer tunesischen Militäroperation am Dienstagabend habe es erneut Gefechte mit »Terroristen« gegeben, teilte das Innenministerium in Tunis mit. Bei der Aktion seien auch Waffen sichergestellt worden.

Bei einem Angriff waren Tage zuvor mindestens 40 Endringlinge und zehn tunesische Soldaten getötet worden. Die »Terroristen« bezeichnen sich selbst als Anhänger des Islamischen Staates (IS) und hatten sich zuvor offenbar in Trainingscamps in Libyen aufgehalten, zum Beispiel im grenznahen Sabrata.

Bereits Seifedine Rezgui, der am Strand der tunesischen Touristenhochburg Sousse im Juni 38 Urlauber erschossen hatte, war wie andere perspektivlose junge Tunesier von einer radikalen Gruppierung an der Universität von Kairouan beeinflusst und nach Sabrata geschickt worden, um dort den Umgang mit der Waffe zu erlernen. Der IS soll dort seit Jahresbeginn das Sagen haben. US-Kampfflugzeuge bombardierten nun Ende Februar die für ihre altrömischen Ruinen berühmte Stadt. Über 60 meist aus Algerien und Tunesien stammende Dschihadisten sollen dabei ums Leben gekommen sein.

Der Luftangriff vereitelte wohl ihren Plan, sich zunächst von der Öffentlichkeit fernzuhalten, bis sie genug lokale Unterstützer gewonnen hätten. Mit der Enthauptung von zwölf Polizisten als Rache für die US-Attacke und der Blockierung der Hauptverbindungsroute nach Tripolis scheinen sie sich jetzt jedoch ziemlich verhasst gemacht zu haben. »Die Hauptstraße gehört allen Städten«, steht auf einem Graffito an einer Mauer nahe dem großen römischen Theater. Nun kämpfen die eigentlich verfeindeten libyschen Städte Zintan, Surman, Zawiya und Zuwara mit einer Einheit aus Sabrata gegen die »Tunesier«. Mit dem panarabischen Ansatz des IS können die meisten libyschen Milizen ohnehin nichts anfangen.

»Ich habe weniger Angst vor dem IS hinter der Grenze, als vor den lokalen salafistischen Bewegungen hier, die danach kommen könnten. Denn diejenigen, die zum bewaffneten Kampf gegen die Korruption und Macht der Elite in Tunis oder der Polizei aufrufen, haben viele Anhänger im Süden«, sagt ein Händler in Ben Gardane leise.

Dort gibt sich die tunesische Regierung mit der Vertreibung der »Libyer« keineswegs zufrieden. Man will da offenbar nicht in der Defensive bleiben. Jedenfalls äußerte sich Ministerpräsident Habib Essid in dieser Weise.

»Wenn sich die tunesische Regierung mit ihrem libyschen Gegenpart nicht schnell auf eine gemeinsame wirtschaftliche Strategie einige und der Jugend eine Perspektive bietet, werden Schmuggel und die radikalen Bewegungen den vernachlässigten Süden Tunesiens der staatlichen Kontrolle entziehen, so wie es bei uns in Libyen geschehen ist«, warnt auch ein Milizenführer aus Zuwara.

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