Über Essen und Anderes

Marc-Uwe Kling ist mit »Bühne 36 - Känguru & Co« im Fernsehen angekommen

  • Katja Herzberg
  • Lesedauer: 3 Min.

Nein, das kommunistische Känguru hüpft nicht durchs Bild, wenn sein Mitbewohner Marc-Uwe Kling und dessen »Lesedünen«-Kollegen am Sonntag erstmals im rbb Fernsehen mit ihrer Sendung »Bühne 36 - Känguru & Co« zu sehen sein werden. Jedenfalls nicht leibhaftig. Der inzwischen seltener als Kleinkünstler bezeichnete Kling bringt das Schnapspralinen liebende Beuteltier in einer Geschichte über ihre Verirrung im Tiergarten mit. Die hat auch irgendwie mit Ernährung zu tun - dem eigentlichen Thema der halbstündigen Show. Denn Essen ist, glaubt man Kling, Julius Fischer, Sebastian Lehmann und Maik Martschinkowsky, eine der »vier Säulen des Proletarismus«. Mit Wohnen, Arbeiten und Unterhaltung beschäftigen sich die weiteren drei Folgen der besonders inszenierten Lesebühnen-Auftritte. An zwei Sonntagen werden sie ausgestrahlt.

Es ist ein gewagtes Format. Wie Theater-, Opernaufführungen oder auch Konzerte haben Lesebühnen-Abende durch ihre Unmittelbarkeit eine besondere Atmosphäre, die sich auf einen Bildschirm nicht so leicht übertragen lässt. Wie der Name »Bühne 36« zeigt, wird gar nicht erst der Versuch unternommen, die Besonderheiten der von Spontaneität und den Reaktionen des Publikums lebenden Live-Auftritte abzustreifen. Doch der rbb und die vier Künstler haben sich so ihre Gedanken gemacht, wie ihre Shows die Menschen bei der Fernbedienung und bei der Maus halten können.

So sitzen die zuhörenden Kollegen Pizza, Burger und Grünzeug verschlingend unweit des gerade Vortragenden. Wer am Mikro steht, darf öfter in die Kamera schauen und sein Gesicht nicht länger mit großen weißen Zetteln verdecken. Wechselnde Kameraperspektiven - etwa auch durch die Glasfassade des Klubs Monarch - lassen ein Dabei-gewesen-Sein-Gefühl entstehen.

Seit Montag ist die erste Folge des konzertierten Ausbruchs »systemrelevanten Humors« bereits online zu sehen. An jenem Abend stellten die fünf zum Projekt gehörenden Künstler - der Bassist Boris the Beast begleitet die Vorleser mit Jingles und bei musikalischen Einlagen - die Show im SO36 vor. Seit das Monarch angesichts des großen Zuschauerandrangs zu klein wurde und der Festsaal Kreuzberg abbrannte, findet die Lesedüne alle zwei Wochen in dem Klub in der Oranienstraße statt. Dicht gedrängt, teils auf dem Boden sitzend, lauschte und lachte das mitunter sehr junge Publikum. Die Geschichten vom alltäglichen Kampf mit dem Leben und der Gesellschaft sprechen vor allem Menschen zwischen 20 und 40 an - und jene, die auf Wortwitz stehen.

Das fängt schon beim Jubel zu Klings »falschen Zitaten« an. »Reisen ist besonders schön, wenn man noch nicht weiß, wohin es geht«, heißt es da vom Navigationsgerät. Zur grotesken Übertreibung greift auch Julius Fischer, wenn er vom Umzugshelfer erzählt, der sich den Arm wieder ins Gelenk steckt, wenn mal was reißt. Es geht auch um Kundenkarten, falsch geschriebene Namen und ernste Themen wie den Nahostkonflikt oder Pegida. Die oft so harmlos beginnenden Kurzgeschichten steigern sich gern in tiefgründige Kritik an der Leistungsgesellschaft, Konsum und Überwachung. Das verraten auch die Titel ihrer zwei Bücher »Über Wachen und Schlafen« und »Über Arbeiten und Fertigsein«.

Wie groß der Anteil von Kling, dem bekanntesten Künstlers der Lesedüne, an ihrer Fernsehversion wirklich ist, bleibt das Geheimnis der Gruppe - Journalistenkollegen klagen, Kling gebe keine Interviews (mit dem »nd« hat er vor einiger Zeit gesprochen). Klar ist aber, dass das seit über zehn Jahren bestehende Autorenkollektiv nur zu gern mit ihm zugeschriebenen Rollen spielt - genauso wie das Känguru mit der Konsole in Klings Wohnzimmer.

»Bühne 36 - Känguru & Co« am 29. Mai und am 5. Juni, jeweils um 22.45 Uhr im rbb Fernsehen

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