Eine Schule für den Frieden

Die Bildungsanstalt Koudoukou wurde im Bürgerkrieg der Zentralafrikanischen Republik zerstört und ist nach ihrem Wiederaufbau zum Symbol für den Neuanfang geworden

  • Von Philipp Hedemann, Bangui
  • Lesedauer: 6 Min.
Vor drei Jahren brach in der Zentralafrikanischen Republik ein blutiger Bürgerkrieg aus. Frauen und Mädchen litten besonders, denn Christen und Muslime setzten Vergewaltigungen als Kriegswaffe ein.

Hand in Hand gehen Yarada und Movnira über den Schulhof. Die beiden sind beste Freundinnen. Dabei sollten sie sich hassen, sich gegenseitig den Tod wünschen. Das haben die Kämpfer christlicher und muslimischer Milizen versucht, den Mädchen einzureden. Denn Yarada ist Christin, Movnira Muslima. Während des Bürgerkrieges in der Zentralafrikanischen Republik töteten und vergewaltigten Christen Muslime und Muslime Christen, doch die Freundschaft der Mädchen war stärker als der Hass der Fanatiker. Jetzt sollen sie eine wichtige Rolle bei der Versöhnung im zweitärmsten Land der Welt spielen.

»Es waren ganz viele Männer. Sie kamen in unser Haus und schnitten meinem Vater mit einer Machete die Kehle durch. Ich habe alles gesehen und gehört«, erzählt Movnira. Während sie mit stockender Stimme spricht, nestelt sie mit einer Hand nervös an ihrem Kopftuch, mit der anderen greift sie nach der Hand ihrer Freundin Yarada.

Die Männer, die ihren Vater töteten, waren Kämpfer der christlichen Anti-Balaka-Milizen. Nachdem die Bande ihren Vater ermordet hatte, floh Movnira - wie Hunderttausende weitere Muslime - mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den benachbarten Tschad. Erst vor drei Monaten kehrte sie von dort zurück. Als sie nach fast zwei Jahren Yarada wiedersah, erfuhr sie, dass auch ihre beste Freundin im Krieg Familienmitglieder verloren hatte. Die muslimischen Seleka-Milizen hatten zwei ihrer Cousins getötet.

Die 14-jährige Movnira und die 13-jährige Yarada trösten sich nicht nur gegenseitig, sie lernen auch gemeinsam. In der Schule sitzen sie nebeneinander. »Ich bin so froh, dass der Unterricht endlich wieder angefangen hat. Während des Krieges hat sich niemand hier hin getraut. Aber viele Schüler fehlen noch. Manche sind geflohen, andere gibt es gar nicht mehr«, sagt Yarada.

Nachdem im März 2013 Rebellen den Präsidenten stürzten, brach in der Zentralafrikanischen Republik ein Bürgerkrieg zwischen den muslimischen Seleka- und den christlichen Anti-Balaka-Milizen aus. Tausende wurden getötet und vergewaltigt. Um dem Morden, Vergewaltigen und Plündern ein Ende zu setzen, entsandte die ehemalige Kolonialmacht Frankreich ab Dezember 2013 über 1600 Soldaten, seit September 2014 soll eine UN-Blauhelm-Truppe den brüchigen Frieden sichern. Derzeit gehören der Mission fast 13 000 Soldaten, Polizisten und zivile Mitarbeiter an. Doch das Vertrauen in die Peacekeeper ist erschüttert. Denn sowohl französische Soldaten als auch UN-Blauhelme sollen während ihres Einsatzes Frauen und Kinder vergewaltigt haben.

Die Koudoukou-Schule in der Hauptstadt Bangui war vor dem Krieg eine der wichtigsten und größten Bildungseinrichtungen des Landes. Über 4000 muslimische und christliche Jungen und Mädchen besuchten die Schule, die mitten im am heftigsten umkämpften Stadtteil PK5 liegt. Noch immer werden hier regelmäßig Christen und Muslime von Fanatikern der jeweils anderen Religion gelyncht. »Viele unserer 800 Schüler sind traumatisiert. Deshalb ist es nicht leicht, den Krieg im Unterricht zu thematisieren. Aber um die Kinder zu religiöser Toleranz zu erziehen, ist genau dies notwendig«, sagt der muslimische Direktor Soumaine Doukan, der während des Krieges selbst drei Brüder und sein Haus verlor.

Doch damit die Schule zu einem Ort der Versöhnung werden konnte, musste sie zunächst wieder aufgebaut werden. Granaten und Kalaschnikow-Kugeln hatten die Dächer, Fenster und Mauern der Schule durchsiebt, Plünderer hatten während der Kriegswirren fast das gesamte Mobiliar gestohlen oder zerstört. »Alle haben gesagt, dass es für die Aussöhnung äußerst wichtig ist, die Schule wieder aufzubauen. Aber weil sie direkt auf der umkämpften Frontlinie zwischen Muslimen und Christen lag, hat sich keine internationale Hilfsorganisation rangetraut«, erzählt Welthungerhilfe-Projektleiter Dirk Raateland.

Während französische Soldaten und UN-Blauhelme sich nur in kugelsicheren Westen und schwerbewaffnet auf das Gelände trauten, teilte der meist mit einem traditionellen afrikanischen Hemd bekleidete Entwicklungshelfer christliche und muslimische Arbeitsgruppen ein, die die Schule gegen Bezahlung wieder aufbauten. »Wir haben klipp und klar gesagt, dass die Arbeiten sofort eingestellt werden, wenn jemand Waffen mitbringt oder es zu Konflikten zwischen den Religionsgruppen kommt«, führt Raateland aus.

Zwischen den Bauarbeiterinnen und Bauarbeitern blieb es letztlich friedlich, am Ende bildeten sich sogar Freundschaften. Dennoch konnte das Projekt erst nach 14 Monaten abgeschlossen werden. Ursprünglich waren nur drei Monate eingeplant. »Kämpfe in der Nachbarschaft zwangen uns immer wieder, die Arbeiten zu unterbrechen. Doch seitdem der Papst Ende vergangenen Jahres in einer Moschee in unmittelbarer Nähe der Schule Muslime und Christen zur Versöhnung aufrief, ist es endlich auch hier meist relativ friedlich«, sagt Raateland.

Dennoch bleibt die Sicherheitslage in der Zentralafrikanischen Republik auch für humanitäre Helfer prekär ist. Immer wieder kommt es zu Überfällen. Im Mai wurde dabei ein Mitarbeiter von »Ärzte ohne Grenzen« getötet. Die Welthungerhilfe hat dies jedoch nicht davon abgehalten, sich an den Aufbau der Koudoukou-Schule zu machen. »Wir sind dafür bekannt, dass wir uns auch trauen, heiße Eisen anzufassen. Wir gehen nicht nur dahin, wo die Sonne scheint. Das birgt natürlich Risiken. Trotzdem tun wir alles in unserer Macht Stehende, um unsere Mitarbeiter so gut wie möglich zu schützen«, erläutert Georg Dörken. Mitarbeiter der Welthungerhilfe.

Bildung, Versöhnung, medizinische Versorgung, Ernährung - Hilfsorganisationen übernehmen viele Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen. Aus gutem Grund. »Leider ist die Regierung einfach noch nicht in der Lage, sich ausreichend um die humanitären Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. Deshalb ist es derzeit notwendig, dass die internationale Gemeinschaft hilft«, meint Peter Eduard Weinstabel, Leiter des Verbindungsbüros der Deutschen Botschaft in Bangui.

Auch wenn über der Schule, in der Kinder und Jugendliche bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden, ein Hubschrauber der französischen Armee kreist und Blauhelmsoldaten regelmäßig vor der Schule patrouillieren, scheint der erst vor wenigen Monaten formal zu Ende gegangene Bürgerkrieg in der großen Pause ganz weit weg zu sein. Auf dem Schulhof spielen christliche und muslimische Schülerinnen und Schüler in gemischten Teams Fußball, Yarada und Movnira sind nicht die einzigen Kinder, die unterschiedlichen Religionen angehören und Hand in Hand über die weite Grasfläche gehen. »Die Kinder leben viel mehr im Jetzt und Hier. Wenn sie über die Religionsgrenzen hinweg Freundschaften schließen, können sie auch uns Erwachsenen helfen, unsere schreckliche Vergangenheit endlich hinter uns zu lassen«, sagt Schulleiter Soumaine Doukan. Yarada und Movnira sind dabei zwei seiner vielen Botschafterinnen und Botschafter. Movnira: »Wir besuchen uns auch nach der Schule. So sehen unsere Eltern, dass Christen und Muslime eigentlich gleich sind und miteinander befreundet sein können.«

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