Skandal im Spaßbezirk

»Summer of Scandals« - Arte wirft einen Blick auf die Ursachen moralischer Empörungen

Der Skandal ist ein flüchtiges Pflänzchen. Kaum sprießt es aus dem Boden, wächst schon ein neuer im Biotop der Aufmerksamkeit. Sorgte Hildegard Knef 1951 in »Die Sünderin« mit blankem Busen für größeren Unmut als das Unrechtsregime der Unmutigen zuvor, musste Sharon Stone in »Basic Instinct« schon Schamhaar zeigen, um für Empörung zu sorgen. Und dann erst Madonna: 1990 zelebrierte sie im Video zu »Justify My Love« artifiziellen SM-Sex, so dass die einschlägigen Sender jede Ausstrahlung verweigerten. Wie geheuchelt dies war, zeigt sich daran, dass z. B. RTL 2 einige Jahre später Pornos aus zweiter Kameraperspektive zeigte.

Alles ist also eine Frage der Perspektive. Wie jedes Jahr füllt der Kulturkanal Arte das Sommerloch mit einer Themen-Reihe. Nach Reihen über die Popkultur der »Sixties« und »Nineties«, den »Rebels« oder »Peace« steht dieses Jahr der »Summer of Scandals« auf der Liste. In der Doku »Explicit!« etwa geht es um die eingangs erwähnten Provokationen der Weltstars. Deutlich wird, dass der Skandal für die Popkultur unerlässlich ist; schließlich stellt er nicht bloß ein Wesenselement dar, sondern den Wesenskern.

Das lässt sich gut in den »Skandalösesten Musikvideos« verfolgen. Der Film von Christian Wagner präsentiert die Fleischbeschau des HipHop, Robbie Williams’ umstrittene Selbsthäutung im Striptease »Rock DJ«, dazu Grenzüberschreitungen von Lady Gaga natürlich, die fast kindertauglich erscheinen im Vergleich zu Michael Jacksons »Thriller« oder dem expliziten Hardcore in »Pussy«, das Rammstein auf den Index und damit geldwert in die Schlagzeilen brachte. Denn darum, das zeigt Arte bis Ende August, geht es dem Pop, mit allen Mitteln. Etwa denen von Ilona Staller. Unterm Pseudonym Cicciolina geriet das Nacktmodell ein paar Jahre vor Madonnas Video gezielt in den Fokus der äußerlich prüden, innerlich lüsternen Mehrheitsgesellschaft des katholischen Italiens. Zum Start der Reihe am 16. Juli zeichnet Allessandro Melazzini ihren Werdegang vom Mannequin aus Budapest über den Exhibitionismus der popkulturellen Verwertungsmaschinerie in die italienische Politik nach und zeigt, wie verlogen und gleichsam wahrhaftig das System funktioniert.

Das zieht sich durch den ganzen, vom geläuterten Punkfossil Iggy Pop moderierten Schwerpunkt. Am 23. Juli etwa arbeitet Oliver Schwehm den deutschen Eurodance-Export Milli Vanilli auf, dessen Schulterpolsterschönheiten Rob Pilatus und Fab Morvan zwar klasse tanzen, aber nicht singen konnten, weshalb sie ihr Publikum zwar belogen, aber auch beliefert haben. Ähnlich verhält es sich mit der Klatschpresse, die »Tratsch und Totschlag« tags drauf seziert. Im Grunde wissen die Durchschnittsleser, dass Storys über Stars und Könige bestenfalls auf Hörensagen beruhen; nur es stört sie nicht weiter. Das System Pop kreiert seine eigenen Wahrheiten.

Das macht auch die Abteilung Spielfilm des Skandalsommers - umringt von Modestrecken, Künstlerporträts, Konzertberichten - so unterhaltsam und nachdenklich zugleich.

Marco Ferreris »Das große Fressen« (17. Juli) von 1973 ist ebenso sehenswert wie Stanley Kubricks Frühwerk »Lolita« (31. Juli) oder sein Spätwerk »Eyes Wide Shut« im Anschluss. Und »Das Leben des Brian« (14. August) darf natürlich auch nicht fehlen, wenn Respektlosigkeit auf Puritanismus prallen soll. All dies macht den »Summer of Scandals« zum Ferienprogramm, das mehr tut, als nur ein paar Reiseverweigerer zu bespaßen; es hinterfragt die Popkultur in ihrem Anspruchsdenken. Und Rammsteins Video wird skandalfrei gepixelt, versprochen.

Arte, 16. Juli bis 21. August

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