Die Botschaft des Bajazzos

Deutschland braucht eine freie, offene und schonungslose Debatte zum Islam. Von Ingolf Bossenz

  • Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 7 Min.

Bei Søren Kierkegaard, dem dänischen Philosophen, findet sich folgendes Gleichnis: »In einem Schauspielhause geschah es, dass die Kulissen Feuer fingen; der Bajazzo trat vor, um das Publikum davon zu benachrichtigen. Man glaubte, es sei ein Witz, und applaudierte. Er wiederholte die Anzeige: Man jubelte noch lauter. So, denke ich, wird die Welt unter allgemeinem Jubel witziger Köpfe zu Grunde gehen, die da glauben, es sei ein Witz.« Kierkegaard (1813-1855), der zeitlebens unter Depressionen und Angststörungen litt, hatte - darin seinem deutschen Denkerpendant Friedrich Nietzsche (1844-1900) verwandt - ein nachgerade seismografisches Gespür für Menschliches, Allzumenschliches und dessen verhängnishafte Versuchungen und Verfehlungen.

Den bestürzten Bajazzo transformierte der US-amerikanische Theologe und Schriftsteller Harvey Cox 1965 (»The Secular City«, dt. »Stadt ohne Gott«) in einen Clown, der vergeblich Bewohner eines Dorfes vor dem in einem nahen Zirkus ausgebrochenen Brand warnt. Die vom Feuer Bedrohten halten den erregten Krakeel des bereits für die Vorstellung kostümierten Spaßprofis für einen Werbegag; Felder, Häuser, Stallungen werden widerstandslos zum Raub der Flammen.

Wer heute vor den Folgen der rasanten demografischen Ausbreitung und des wachsenden politischen Einflusses der islamischen Religion warnt, ist im überwiegenden Spektrum der öffentlichen und veröffentlichten Meinung hierzulande in der Rolle eines Clowns, womöglich eines hassverblendeten. Das jedem islamisch motivierten oder begründeten Anschlag folgende mediale Mantra lautet: Islamistischer Terrorismus ist vom Islam zu trennen, hat mit diesem nichts zu tun, ist allenfalls dessen bösartiger Bastard. Doch das Mantra hat sich längst verschlissen - als clowneskes Ceterum censeo einer Entlastungs- und Beschwichtigungsideologie, die zudem völlig unnötig ist. Denn die meisten Muslime - in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt - sind weder sogenannte Islamisten noch Terroristen. Da aber andererseits die meisten Terroristen Muslime sind, gibt es für Anhänger und Apologeten dieser Religion in der Tat ein Erklärungsproblem.

Zweifellos lagert der orthodoxe Kern des Islam mit seinen streng strukturierten Glaubens- und Verhaltensregeln in einer amorphen atavistisch-ideologischen Substanz, die auch einen Nährboden für Gewalt und Terror bildet. Nun ist eine solche Substanz keine Besonderheit des jüngsten der insgesamt drei abrahamitischen Glaubenssysteme. Juden- und Christentum, bei denen sich die Erfinder des Islam beflissen bedient haben, bieten mit ihren schaurigen Endzeitszenarien potenziellen Wahnsinnstätern eine durchaus fruchtbare Folie. Aber, wie Lenin treffend bemerkte: »Das Kriterium der Wahrheit kann nur die gesellschaftliche Praxis sein.« Und in der gesellschaftlichen Praxis ist es nun einmal so, dass im 21. Jahrhundert, was religiös konnotierten Terrorismus betrifft, der Islam unter den Glaubenssystemen in klarer Konkurrenzlosigkeit agiert. Die schicksalsschwere Verführungskraft des Absoluten, der numinose Imperativ einer monotheistischen Allmacht finden unter dessen Anhängern unablässig neue Opfer. Opfer, die zu Tätern werden. Es ist der Wahntraum von der Weltherrschaft, der Teile dieser Welt in Albträume stürzt.

Apropos Weltherrschaft: Erinnern Sie sich noch an Scientology? War es doch diese sich selbst als Kirche und Religion verstehende Organisation, die wegen ihrer angeblichen Ambitionen zu globaler Machtübernahme von Medien, Politik und Großkirchen in Deutschland unter veritables Kreuz-Feuer genommen wurde. Mit Schwarzbüchern, behördlichen Beobachtungsstellen, Pressekampagnen, Mahnwachen, dem geballten Instrumentarium des Rechtsstaates rückte man vor Jahren noch dem vermeintlich monströsen Moloch zu Leibe. Schauspieler und Scientology-Anhänger Tom Cruise, der damals in Berlin und Brandenburg einen Stauffenberg-Film drehte, wurde von einem sogenannten Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche allen Ernstes als »Goebbels der Scientologen« verunglimpft.

Scientology werden vor allem dubiose wirtschaftliche Praktiken zum Vorwurf gemacht. Es gab weder massenhaften sexuellen Missbrauch Minderjähriger, wie ihn Prälaten der katholischen Kirche jahrzehntelang weltweit praktizierten, noch Terroranschläge und Geiselenthauptungen, mit denen islamische Fanatiker und Dschihad-Milizen für Angst und Schrecken sorgen. Bleibt die Frage, warum es gegen den von einem mittelmäßigen US-Science-Fiction-Autor gegründeten Abzock-Verein eine solche staatliche und politische Offensive gab und eine religiöse Ideologie wie der Islam, die nachweislich nicht nur Heil, sondern auch erhebliches Unheil bei und durch Menschen bewirkt, staatlicherseits zur willkommenen, den Glaubensmarkt bereichernden Folklore verklärt wird.

Die hier versuchte Antwort darauf ist eine doppelte. Erstens: Im Unterschied zu Scientology und vergleichbaren neureligiösen Sektengründungen ist der Islam eine seit Jahrhunderten existente und etablierte Religion. Und bekanntermaßen erheischen selbst Lehrgebäude, deren Konstruktionen nicht gerade den Grundsätzen von Sinnhaftigkeit und Logik folgen, allein schon durch die Patina des Alters Ehrfurcht und Respekt. Eine große Zahl von Anhängern und Praktizierenden verstärkt diese Wirkung wesentlich. Zweitens: Sogenannte Sekten oder Neureligionen gelten als Konkurrenzen zu den altbewährten Glaubenskonzernen und werden deshalb meist in toto als bizarres Blendwerk verdammt. Ganz anders die Großreligionen. Deren destruktive und/oder inhumane Auswüchse werden in der Regel als dem Wesen des wahren religiösen Kerns widersprechend betrachtet und als Einzelfälle und Randerscheinungen im Regal »Missbrauch« abgelegt.

Der Islam hat inzwischen sogar einen Fürsprecher, der praktisch nicht mehr zu überbieten ist: den Stellvertreter Christi höchstselbst. Im Apostolischen Schreiben »Evangelii gaudium« betonte Papst Franziskus ausdrücklich seine »Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam« und pries den »wahren Islam«, der - so Franziskus - »jeder Gewalt« entgegenstehe. »Demütig« ersuchte er zudem die islamischen Länder, doch den Christen Freiheit zu gewähren. Zur Bekräftigung von solch verbaler Servilität wusch er am Gründonnerstag muslimischen Migranten die Füße. Franziskus’ Statthalter Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, folgte seinem römischen Dienstherrn sozusagen auf dem Fuße und formulierte forsch: »Wer Ja zu Kirchtürmen sagt, der muss auch Ja sagen zum Minarett.« Eine verblüffende Logik aus dem Munde eines Mannes, dessen Organisation nie eine Befragung über Ja oder Nein zu amtskirchlichen Belangen erlaubte, geschweige denn zu ihren Privilegien, deren Bestandteil auch Woelkis vom deutschen Steuerzahler großzügig finanziertes Salär ist. Woelkis evangelischer Kollege Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), forderte derweil einen »flächendeckenden Islamunterricht« an deutschen Schulen.

Im Interesse der Sicherung ihrer Pfründen unterlassen die christlichen Großkirchen nicht nur jede Kritik am Islam. Sie sind sogar bereit, ihm Terrain - geistliches, ideologisches, materielles - zu überlassen. Dazu passt, dass der Ramadan, der islamische Fastenmonat, in Deutschland mittlerweile wie ein nationales Ereignis zelebriert wird, bei dem sich sogar der Bundespräsident medienwirksam in Szene setzt. Fast könnte man meinen, die »Unterwerfung« (was »Islam« auf deutsch heißt), die der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem gleichnamigen Roman fiktional-dystopisch thematisiert, sei bereits im Gange.

Die Furcht, als »AfD light« wahrgenommen zu werden, scheint mittlerweile die religionskritischen, gar islamkritischen Intentionen in den politischen Parteien zu paralysieren. Da verwundert es nicht, dass die LINKE auf ihrem jüngsten Parteitag das Thema Religion und Kirche gar nicht erst ansprach, sondern auf einen späteren Zeitpunkt vertagte. Nach Ansicht des Publizisten Alexander Kissler »wird derzeit, sieht man von politischen Rändern und Stammtischen ab, an einem diskursiven Schutzwall um den Islam gebaut«. Ein sicher polemisch überhöhtes Urteil, dem in seiner Tendenz gleichwohl zuzustimmen ist. So sah sich Regisseur Uwe Eric Laufenberg jetzt genötigt, öffentlich Gerüchte um eine islamkritische »Parsifal«-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen zu dementieren.

Doch was ist das? Auf einmal teilt sich der Vorhang und auf die Bühne tritt - der Bajazzo: Thomas de Maizière. »Wir müssen uns inzwischen sowohl auf Einzelattentate als auch auf gemischte Anschläge wie in Paris und international koordinierte Terroranschläge vorbereiten, nicht mehr nur auf eines dieser Szenarien«, verkündet der Bundesinnenminister dem staunenden Publikum, das vor Überraschung vergisst zu applaudieren.

Man erinnert sich: In Paris haben islamische Gotteskrieger im November 130 Menschen abgeschlachtet. Es folgten Brüssel (35 Tote, davon drei Attentäter), Nizza (85 Tote, darunter der Täter), Würzburg (ein toter Angreifer, fünf Schwerverletzte). Dass sich in Nizza und Würzburg »Einzeltäter« zu ihren Verbrechen »selbst radikalisiert« haben sollen, ändert nichts an der Unterwerfung unter die mörderische Matrix einer wahngesättigten Heilsgewissheit.

Hat de Maizières Warnung also mit dem Islam zu tun? Immerhin hatten allein von den dieses Jahr bis April nach Deutschland eingereisten Migranten rund 80 Prozent keine Ausweispapiere. Das sind über 190 000 Personen, deren Identität unklar ist. Die meisten von diesen Menschen sind Muslime. Das rechtfertigt keinen »Generalverdacht«. Aber es erfordert eine freie, offene, sachliche und schonungslose Debatte. Weil der Islam zu Deutschland gehört. Mit allen dieser Religion eignenden Gefahren und Gefährdungen.

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