Mimimi, die hat gepetzt!

Elsa Koester über die Reaktionen auf den Sexismus-Brief von Jenna Behrends

»Wir müssen reden«, beginnt Jenna Behrends ihren Brief über Sexismus in der CDU. Sie macht ihren Mund auf – und spricht nach nur einem Jahr Mitgliedschaft erniedrigende Erlebnisse in ihrer Partei an. »Frauenanteil beim Satz ›Wir müssen reden‹: 100 Prozent«, ätzt sogleich ein Twitterer hinterher. »Mimimi«, kommentiert der CDU-Mittelstandspolitiker Jürgen Presser. Einige Tweets machen sich über Frauenquoten lustig, weitere machen Witze über das Hochschlafen von Frauen in Parteien (dass Männer das nicht »können«: ungerecht!). »Gibt es in Deutschland eigentlich Männer, die medial so gefördert werden?«, regt sich ein anderer auf.

Sexismus direkt anzusprechen, selbstbewusst und öffentlich, das ist ein Tabubruch. Natürlich würde kaum jemand behaupten, dass es Sexismus nicht mehr gäbe. Komisch ist nur, dass er niemals in einer konkreten Situation einer konkreten Frau von einem konkreten Mann angetan wird. In dieser spezifischen Situation, da übertreibt die Frau. Weil sie Karriere machen will. Weil sie gerne im Zentrum der Öffentlichkeit steht. Sie ist Schuld, dass dieses Problem plötzlich diskutiert werden muss. Nicht etwa der Sexist.

Diesen Verdrehungsmechanismus beherrscht Noch-CDU-Landeschef Frank Henkel einwandfrei. Er sei »enttäuscht über Inhalt und Stil des Briefes«. Aha. Wer ist denn für Inhalt und Stil verantwortlich? Hat er seinen Kollegen nicht gefragt: »Fickst du die«? Hat er sie nicht »süße Maus« genannt? Liegt der Frauenanteil seiner Partei in Abgeordnetenhaus denn nicht bei kläglichen 13 Prozent, fast gleichauf mit dem der AfD? Behrends hat diesen miesen Politikstil nicht erfunden, sondern angesprochen. Und die CDU-Männer fühlen sich verpetzt. Mimimi.

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