Bildung für eine bessere Zukunft

Der Studiengang Tecnicatura verbindet traditionelles, indigenes und modernes Wissen

  • Von Verena Greve, Weltfriedensdienst
  • Lesedauer: 3 Min.
Lernpause: Auf dem Lehrplan steht die Verbindung von traditionellem indigenen und modernem Wissen.
Lernpause: Auf dem Lehrplan steht die Verbindung von traditionellem indigenen und modernem Wissen.

Georgia Cruz, Indígena, lebt in dem kleinen Bergdorf Varas im Nordwesten Argentiniens. Sie ist 39 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und, man höre und staune, Studentin. Wenn sie an einer Vorlesung teilnimmt, macht sie sich auf in die 75 Kilometer entfernte Stadt Humahuaca. Georgia Cruz studiert Indigene Entwicklung (Tecnicatura) an einem Institut, das einer deutschen Fachhochschule entspricht. Die Besonderheit: Der Studiengang integriert traditionelles Wissen. Die Idee für den dreijährigen Ausbildungsgang wurde im Jahr 2007 von der Indigenenorganisation COAJ entwickelt, die sich zusammen mit dem Weltfriedensdienst in der Region für Landrechte und indigene Gemeindeentwicklung einsetzt. Die Verbindung von traditionellem indigenen und modernem Wissen macht den Studiengang so einzigartig. Inzwischen ist er staatlich anerkannt und gefördert. Jede Gemeinde kann zwei Mitglieder für den dreijährigen Studiengang benennen.

Die Region Jujuy in Argentinien besteht zu rund 75 Prozent aus Bergen und ist von Hochebenen in Höhen von bis zu 6000 Metern geprägt. Der Anteil von Indigenen an der Bevölkerung ist hier deutlich höher als in anderen Teilen des Landes. Oftmals leiden diese unter dem erschwerten Zugang zur Bildung. Schon in der Grundschule fangen die Probleme an. Indigene Sprache und Kultur sind dort gar kein Thema. Daneben ist es vor allem die Entfernung, die Probleme macht. Laut einer Umfrage von COAJ haben weniger als zwei Prozent der Befragten eine weiterführende Bildungseinrichtung in ihrer Gemeinde. Der Schulbesuch rückt so im wahrsten Sinne des Wortes in weite Ferne. Rund 36 Prozent der Indigenen müssten bis zu 50 Kilometer zur weiterführenden Schule zurücklegen. Eine Universität befindet sich für fast 27 Prozent der befragten Indigenen in bis zu 300 Kilometern Entfernung. Das städtische Leben hat auch soziale Auswirkungen. Viele Indigene aus den Bergdörfern der Kolla, Omahuaca und Guaraní lassen beim Besuch einer Universität in der Stadt auch ihre kulturelle Identität zurück. »Sie haben aufgehört, ihre Muttersprache zu benutzen, weil sie sich dafür schämen«, beklagt sich Eusebio Llampa, der im Studiengang Indigene Entwicklung als Dozent arbeitet. Manche StudentInnen der Tecnicatura haben dagegen wieder damit angefangen, sich in ihren Muttersprachen zu unterhalten und lernen voneinander.

Die Teilnahme ist schon rein logistisch eine Herausforderung. Wegen der großen Entfernungen treffen sich die StudentInnen nur acht Mal im Jahr an einem der zentralen Standorte in ihrer Provinz. Auf dem Stundenplan stehen Themen wie Umwelt und Recht, aber auch die indigene Weltanschauung und Sprache. Die TeilnehmerInnen lernen außerdem ihre Landrechte, Forschungsmethoden sowie Projektmanagement kennen. Ihr Wissen kommt ihren Gemeinden direkt zugute, mit denen sie Pläne zur kommunalen Entwicklung entwerfen und zur Erhaltung der eigenen Ressourcen beitragen. Der Studiengang ist eine Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2016 gab es 200 AbsolventInnen, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Inzwischen wurde auch ein weiterer Standort in der Nachbarprovinz Salta eröffnet. Darüber freut sich auch Alejandra Castro de Klede, die für den Weltfriedensdienst direkt vor Ort mit der Organisation COAJ zusammenarbeitet. Sie berichtet, dass sich das Selbstwertgefühl vieler Gemeindemitglieder verbessert hat. Auch in Zukunft werden sich die AbsolventInnen der Indigenen Entwicklung für die Landrechte ihrer Gemeinden einsetzen, Wissen zum Klimawandel und zu angepasster Landwirtschaft weitergeben sowie die indigene Position in der Öffentlichkeit vertreten. Hilda Quiroga, 56 Jahre alt, ist mit ihrem Studium sehr zufrieden. Heute sagt sie: »Ich bin stolz darauf, Indígena zu sein.«

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